Archiv der Kategorie 'Lesetipps zum Thema'

„Tote ohne Anerkennung“

Das Antifaschistische Info-Blatt Nr. 89 vom Winter 2010/2011 hat das Titelthema „Rechte Morde. Eine Bilanz“. In dem Artikel „Tote ohne Anerkennung“ in dieser Ausgabe heißt es:

Auffällig ist, dass es der Polizei schwer fällt ein rechtes Tatmotiv festzustellen, wenn die Getöteten nicht in die stereotype Opfergruppe (Migrant_innen) von Neonazis passen. Sie können sich offenbar nicht vorstellen, dass ein Neonazi erst mit einem Obdachlosen zusammen zechen kann und ihn anschließend trotzdem aus Hass auf »Asoziale« zu Tode prügelt. Bestätigt wird dieser Eindruck, wenn man die offiziellen Zahlen mit den 137 nachrecherchierten Todesopfern vergleicht. Mehr als 70 Prozent der Fälle, bei denen die Opfer Obdachlose, Behinderte oder sozial Randständige sind, wurden nicht erfasst.

Buchkritik „Wohnungslose im Nationalsozialismus“, Begleitheft zur Wanderausstellung

Wohnungslose im Nationalsozialismus
Wolfgang Ayaß hat 2007 parallel zur Ausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“ ein Begleitband herausgegeben. Ausstellung wie der Band widmen sich der vergessenen NS-Opfergruppe der Wohnungslosen und „Asozialen“.
Die Ausstellung zeigt, wie im Nationalsozialismus die biologistische Vorstellung von Volk als Superorganismus („Volkskörper“) weiter radikalisiert wird. Um die „Volksgemeinschaft“ zu schützen geht man im Nationalsozialismus gegen „asoziale Großfamilien“ und „Minderwertige“ vor. Ein spezielles „Gemeinschaftsfremdengesetz“ richtet sich vor allem gegen Wohnungslose, tritt aber nie in Kraft. Mit anderen Mitteln werden so genannte „Asoziale“ im „Dritten Reich“ verfolgt.
Es kommt zu Zwangssterilisationen um die „Erbgesundheit“ des Volkes zu „bewahren“ und schließlich wird das „Asozialenproblem“ durch Vernichtung der „Asozialen“ „gelöst“. Im Frühjahr und Sommer 1938 wurden im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ die Landstraßen gesäubert und im Ergebnis von Gestapo und Kripo über 10.000 Wohnungslose etc. als „Asoziale“ ins KZ eingeliefert, von denen die Mehrheit vermutlich gestorben ist. Kurzzeitig stellten die Häftlinge mit dem schwarzen Winkel („Asoziale“) die Mehrheit der KZ-Insassen.
Im Gegensatz zu den Männer wurde den verhafteten Frauen eher ihr abweichendes Sexualverhalten zum Vorwurf gemacht.
Die Diskriminierung von sozial schwachen Menschen erstreckte sich auch bis in die Zeit nach 1945, selbst die NS-Opfer-Organisationen distanzierten sich von „Asozialen“ und „Kriminellen“ als NS-Opfer.

* Wolfgang Ayaß: Wohnungslose im Nationalsozialismus. Begleitheft zur Wanderausstellung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., Bielefeld 2007