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Lesenswerter Artikel zu Obdach- und Wohnungslosigkeit

Die linke Wochenzeitung „Jungle World“ aus Berlin widmete ihre Ausgabe Nr. 35 dem Schwerpunktthema Obdachlosigkeit. Besonders lesenswert war dabei der Artikel „Den Teufelskreis durchbrechen“ von Christian Jakob. Hier mal der Artikel als Zitat:

Ohne Wohnung keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung. Wohnungslose in Deutschland sind meist auch Langzeitarbeitslose. Das Hartz-IV-System trägt dazu bei, dass die Obdachlosigkeit in Deutschland steigt. Besonders betroffen sind Migranten aus Osteuropa. […] Eigentlich sollte die Sache damit geregelt sein. »Leistungen für die Unterkunft werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen erbracht«, heißt es im Sozialgesetzbuch XII. Wer sich keine eigene Wohnung leisten kann, für den muss der Staat die Miete zahlen. Doch oft geschieht das nicht: Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt. 284 000 sollen es nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) derzeit sein – eine Zunahme um fast 15 Prozent in den vergangenen vier Jahren. Rund 25 000 Menschen leben heute ohne Unterkunft auf der Straße. 2016, so schätzt der Verband, werden 380 000 Menschen in Deutschland keine Wohnung haben.
Einer der Gründe, weshalb Menschen trotz Sozialleistungsanspruchs auf der Straße landen – oder dort bleiben –, sind psychische Erkrankungen. Diesen Zusammenhang haben jetzt Psychiater der TU München untersucht. Ihre Studie »Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe«, kurz Seewolf (s. Interview S. 5), ist die bislang größte Erhebung zu den Lebensumständen von Wohnungslosen bundesweit. Das Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der Wohnungslosen leiden unter psychischen Erkrankungen, aber nur ein Drittel der Betroffenen erhält eine angemessene Versorgung. Die Wissenschaftler befragten 232 Wohnungslose aus dem Raum München. In der wohlhabenden Großstadt sei die Situation »besonders angespannt«, schreiben sie. »Bezahlbare Wohnungen sind hier rar.« Derzeit verschärfe sich die Lage durch Zuwanderung aus Osteuropa.
Die Studienteilnehmer waren im Durchschnitt seit über fünf Jahren ohne eigene Wohnung. Als sie ihre letzte Bleibe verloren, waren sie im Mittel 42 Jahre alt. Im Schnitt litten sie bereits 6,5 Jahre vor Beginn der Wohnungslosigkeit an behandlungsbedürftigen psychische Störungen. »In erster Linie sind Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen, die aus verschiedenen Gründen schon vorher labil und verwundbar waren«, schreiben die Forscher. Bei rund 40 Prozent fanden sie eine Depression, bei rund 20 Prozent Angsterkrankungen. Zudem litten 80 Prozent unter Suchtproblemen. Jeder Dritte Befragte gab Geldmangel als Ursache seiner Wohnungslosigkeit an, gefolgt von Trennung oder Tod eines Partners oder der Eltern (19 Prozent) oder einer Erkrankung (17 Prozent).
Die Psychiater untersuchten nicht nur die Wohnungslosen, sondern auch die eigene Branche – was sich streckenweise wie eine Abrechnung mit der Antipsychiatriebewegung liest. So erinnern sie daran, dass durch die »Enthospitalisierung« in den siebziger Jahren die Zahl der Psychiatriebetten deutlich reduziert wurde. »Chronisch Kranke wurden dadurch auf den Bürgersteig verlegt.« In den Anfangsjahren der Enthospitalisierung sei unbemerkt geblieben, dass viele chronisch psychisch Kranke »nicht Fuß fassen konnten« und nach und nach in die Wohnungslosigkeit gerieten. »So sehr vielen psychisch Kranken diese non-restriktive Lebensform kurzfristig entgegenkommt, so sehr sind sie langfristig von Verwahrlosung und erhöhter Mortalität bedroht«, so die Forscher.
Deshalb fordern sie eine stärkere Kooperation der Wohnungslosenhilfe mit psychiatrischen Institutionen. Für psychisch schwer Kranke, die besonders häufig auf der Straße landen, müssten jedoch Wohnformen eingerichtet werden, in denen »nicht die Therapie mit dem Ziel der zeitnahen Heilung im Vordergrund steht, sondern die langfris­tige Fürsorge«. Ein Teil der psychisch kranken Menschen schließlich brauche »Schutzräume ohne forcierte Therapieanforderungen im Sinne eines vorübergehenden ›Time-out‹«.
Kürzlich war auch der Bundesverband Wohnungslosenhilfe mit einem Appell an die Öffentlichkeit getreten und hatte den »Erhalt bezahlbaren Wohnraums« gefordert. In den vergangenen Jahren habe die Wohnungslosigkeit in vielen Regionen Deutschlands deutlich zugenommen und werde sich weiter verschärfen, sagte der BAG-Vorsitzende Winfried Uhrig. »In den Ballungsgebieten stiegen die Mietpreise ungebrochen.« Gleichzeitig schrumpfe der Bestand an Sozial- und bezahlbaren Wohnungen. »Und wer erstmal auf der Straße ist, muss Gewalt und weitere Diskriminierung fürchten«, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Thomas Specht. Die BAGW forderte eine deutliche Aufstockung der Förderung des sozialen Wohnungsbaus.
Besonders stark wachse die Zahl junger Wohnungsloser. Jeder fünfte Mensch ohne Obdach ist jünger als 25. Ursache dafür sei unter anderem das Hartz-IV-System: Als Sanktion können auch die Mietzahlungen gekürzt oder eingestellt werden. »Das führt direkt in die Obdachlosigkeit und muss sofort abgeschafft werden«, sagt Specht.
Da Wohnungslose häufig langzeitarbeitslos seien, müsse auch weit mehr getan werden, um wohnungslose Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Den Teufelskreis »Ohne Wohnung keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung« könnten die Betroffenen kaum durchbrechen. Auch in der Gesundheitspolitik sieht die BAGW Handlungsbedarf. Noch immer seien mehr als 100 000 Menschen ohne Krankenversicherungsschutz, darunter viele Wohnungslose. Schuld seien oft hohe Beitragsschulden, diese müssten in Notfällen erlassen werden.
Migranten aus Osteuropa finden sich in wachsender Zahl bei den Notunterkünften ein. In Berlin etwa stammten 40 Prozent der Klienten im vergangenen Winter aus Osteuropa. Nach einer Erhebung des Berliner Senats vom Juni kommen die »wenigsten aus Rumänien und Bulgarien«, sagte der Sozialstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Carsten Engelmann (CDU). Sie stammen überwiegend aus Russland, Polen und den baltischen Ländern.
Viele blieben weniger als ein Jahr oder kehrten vor den Wintermonaten zurück in ihre Herkunftsländer. Andere verbrauchen ihre knappen Ersparnisse und landen auf der Straße, ohne Wohnung finden sie keinen legalen Job und ohne Job keine Wohnung. Und wer nicht in Deutschland gemeldet ist, hat keinen Rechtsanspruch auf Sozialleistungen.
»EU-Migranten kommen zum Beispiel nicht in Wohnprojekte für Obdachlose rein, weil für sie niemand die Finanzierung übernimmt«, sagt die Sozialarbeiterin Marie-Therese Reichenbach von den Berlinern Frostschutzengeln, einem Projekt der GEBEWO–Soziale Dienste. »Sie sind auf sogenannte niedrigschwellige Einrichtungen wie Nacht­asyle angewiesen, weil sie keinen Hartz-IV-Anspruch haben, wenn sie hier nicht zuvor of­fiziell erwerbstätig gewesen sind.« Halten sie sich länger als drei Monate in Deutschland auf, gibt es zwar eine Chance, sozialrechtliche Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. Die Rechtslage ist aber umstritten. Migranten aus Mittelosteuropa würden »viel schneller verelenden als Einheimische, (…) weil sie sozialrechtlich von vielen Integrationsangeboten ausgeschlossen werden«.
Hamburg hat deshalb das Winternotprogramm aufgestockt. »Wir haben aus den vergangenen Wintern gelernt und haben von Anfang an deutlich mehr Plätze zur Verfügung gestellt als in anderen Jahren«, sagt der Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele. Mit den Schlafstellen verbunden ist eine zusätzliche Anlaufstelle für osteuropäische Obdachlose.
Im Sommer aber ist die Hamburger Linie eine andere. Vor wenigen Wochen löste der Bezirk Altona ein Obdachlosenlager am Nobistor auf. Eine mehrseitige, auf Deutsch verfasste juristische Allgemeinverfügung wurde in den Grünanlagen am Nobistor verteilt. Darin wurden die Betroffene aufgefordert, den Platz innerhalb von zwei Tagen zu räumen. Vor allem Bulgaren und Rumänen hatten dort ein Lager errichtet, in dem rund 60 Menschen mehrere Wochen in Zelten und Autos campierten. Allein die Ankündigung einer Räumung habe dazu geführt, dass die obdach­losen Familien mit ihren Kindern weggezogen seien und nun »nach wie vor kein Dach über dem Kopf haben«, sagte der Chef der Hamburger Diakonie, Dirk Ahrens. »Wir brauchen keine Räumungen, sondern kurzfristig weitere Unterbringungsmöglichkeiten für Obdachlose.«
In Berlin nimmt man sich gleichwohl an Hamburg ein Beispiel. Hier ist die Curvybrache am Spreeufer im Berliner Stadtteil Kreuzberg, auf der viele Roma leben, akut von der Räumung bedroht.

* Christian Jakob: Den Teufelskreis durchbrechen, in: Jungle World Nr. 35-2014, 28. August 2014, http://jungle-world.com/artikel/2014/35/50471.html

Fundstück: Zitate aus „Erledigt in Paris und London“ von George Orwell

Ich werde niemals wieder denken, alle Landstreicher wären betrunkene Schurken, noch werde ich glauben, dass ein Bettler dankbar ist, wenn man ihm einen Penny gibt, noch überrascht sein, wenn Arbeitslosen Energie fehlt, noch die Heilsarmee mit Beiträgen unterstützen, noch meine Kleidung verpfänden, noch Flugblätter verweigern, noch Vergnügen haben an einem Essen in einem piekfeinen Restaurant. Das ist ein Anfang.

George Orwell

Und doch besteht bei genauerer Betrachtung keineswegs ein so wesentlicher Unterschied zwischen der Lebensweise eines Bettlers und zahlloser respektierter Leute. Es heißt, Bettler arbeiten nicht; aber was ist dann überhaupt Arbeit? Ein Kanalarbeiter arbeitet, indem er eine Hacke schwingt. Ein Bücherrevisor arbeitet, indem er Zahlen addiert. Ein Bettler steht bei Wind und Wetter im Freien und bekommt Krampfadern, chronische Bronchitis usw. Sein Beruf ist ein Beruf wie jeder andere auch; nutzlos zwar, natürlich – aber dann sind auch viele geachteten Berufe nutzlos. Und als sozialer Typus läßt sich ein Bettler sehr wohl mit sehr vielen anderen vergleichen. Er ist verglichen mit den Verkäufern geschützter Medikamente ehrlich, verglichen mit dem Besitzer einer Sonntagszeitung großherzig, verglichen mit einem Ratenvertrags-Kundensucher regelrecht liebenswert – kurzum, ein Parasit, aber ein durchaus harmloser Parasit. Es kommt selten vor, daß er der Gesellschaft mehr abluchst, als er für das nackte Leben braucht, und – was ihn in Übereinstimmung mit unseren ethischen Idealen eigentlich rehabilitieren sollte – er muß immer und immer wieder durch sein Leid draufzahlen. Ich sehe nicht, was ein Bettler an sich haben sollte, das ihn gegenüber den anderen Leuten einer anderen Klasse zugehörig macht oder den meisten modernen Menschen das Recht geben könnte, ihn zu verabscheuen.
Da taucht dann die Frage nach dem Grund für die Verabscheuung der Bettler auf: Sie werden nun einmal a priori verabscheut, von allen und jedem. Ich denke, es liegt daran, daß sie es nicht schaffen, sich ein »ordentliches« Leben zusammenzuverdienen. Praktisch gesehen ist es doch allen egal, ob eine Arbeit sinnvoll oder sinnlos ist, produktiv oder parasitär ist; das, was von ihr erwartet wird, ist – sie muß halt Profit bringen. Das ganze moderne Gerede von Energie, Effektivität, sozialer Leistungen und all den anderen Dingen meint doch einzig und allein: »Mach Geld, mach es legal, und mach eine Menge davon.« Das Geld ist der große Maßstab aller Tugendhaftigkeit. Und an diesem Maßstab scheitern die Bettler, und darum werden sie verabscheut. Wenn einer nur zehn Pfund pro Woche durch Betteln verdienen würde, hätte er plötzlich eine respektable Tätigkeit. Ein Bettler ist, wenn man die Sache realistisch betrachtet, ganz einfach ein Geschäftsmann, der sich genau wie andere Geschäftsleute seinen Lebensunterhalt mit dem verdient, was sich ihm gerade anbietet. Weniger als die meisten anderen Menschen hat er seine Ehre verkauft; sein einziger Fehler besteht darin, einen Beruf ergriffen zu haben, in dem man unmöglich reich werden kann.

George Orwell: Erledigt in Paris und London, Zürich 1978, Seite 232-33

Es ist doch seltsam, wie einige Leute einfach annehmen, sie hätte ein Recht darauf, dir zu predigen und vorzubeten, nur weil dein Lohn unter einen bestimmten Schnitt gefallen ist.

George Orwell: Erledigt in Paris und London, Zürich 1978, Seite 244

Antifa-Magazin „Lotta“ mit dem Schwerpunkt „Sozialdarwinistische Zustände“

Lotta Nr. 51
Mit dem Schwerpunkt „Sozialdarwinistische Zustände – Wohnungs- und Obdachlose als vergessene Opfer rechter Gewalt“ ist die Zeitung „Lotta“ Nr. 51 erschienen.
Der Schwerpunkt gliedert sich in folgende Beiträge
* Einleitung
* Sozialdarwinistische Zustände
Wohnungs- und Obdachlose als vergessene Opfer rechter Gewalt
* „Hau ab Du Penner“
Gewalt gegen Wohnungslose
* Ein Krieg gegen die Armen
Diskriminierung und Verfolgung von „Asozialen“ im NS-Staat
* Gegen das Vergessen
Ein Gespräch über antifaschistische Erinnerungsarbeit an wohnunglose Opfer rechter Gewalt
* Vernichtungswille und argumentative Ausnutzung
Wohnungslose als Feindbild und Propagandaobjekt der extremen Rechten

Leseempfehlung!

Lesetipp: Wallraff als Undercover-Obdachloser

Bereits mehrfach hat sich der investigativ arbeitende Journalist Günter Wallraff als Obdachloser ausgegeben, um die Lebensbedingungen von obdachlosen Menschen zu erkunden. Dabei gibt er den Menschen auf der Straße auch eine Stimme, um selber ihre Geschichte zu erzählen.

Neuestes Ergebnis seiner Tätigkeit als Undercover-Obdachloser ist der Text „Unter Null. Die Würde der Straße“. Hier berichtet er vor allem von den Gegebenheiten in den Asylen für Obdachlose. Diese sind häufig alles andere als menschenwürdig.
Besonders schlimm ist das Vergessen, dem Obdachlose anheimfallen. Wallraff beschreibt wie Marco G. aus Berlin auf der Straße stirbt, vermutlich als Resultat der Kälte. Die Behörden tun nicht viel um Verwandte zu ermitteln. Wallraff telefoniert einfach alle mit dem Nachnamen von G. in Berlin ab und findet so problemlos seine Mutter. So kann verhindert werden, dass G. in einem anonymen Armengrab beerdigt wird.

Wallraff konstatiert, dass Hilfe möglich ist, aber nur mit einem individuellen Ansatz:

Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf. Wir leben immer noch in einem reichen Land. Diese Menschen aber haben keine Lobby, sie haben keinen, der sich für sie interessiert. Hier könnte man so manchem raushelfen, davon bin ich überzeugt. Aber nur wenn man den Einzelnen und sein jeweiliges Problem ernst nimmt.

(Seite 97-98)

Den Obdachlosen Fred zitiert Wallraff wie folgt:

Hartz IV ist wie Sozialamt. Und ich war stolz, dass ich nie zum Sozialamt gehen musste. Ich hab früher Mülltonnen geleert, ich war bei der Stadt angestellt. Aber dann kommst du in so eine Situation und bist am Arsch. Und kommst auch nicht mehr raus. Weil Du einen Stempel aufgedrückt bekommen hast. Du hast ihn auf der Stirn stehen. Die wollen uns alle knien sehen. Das siehst du schon beim Amt, da drohen sie uns: »Wenn Sie nicht ruhig sind, kriegen Sie nichts.« Sie haben die Staatsmacht, okay, sie haben das Hausrecht. Aber als ich einen neuen Ausweis brauchte, weil man mich beklaut hatte, musste ich 30 Euro bezahlen. Wie soll das gehen? Ich muss doch auch essen. Das interessiert die nicht.

(Seite 106- und 108)

Einen anderer Obdachloser berichtet von seiner Erfahrung mit Gewalt:

Da bin ich mal in Baden-Württemberg von drei Skinheads , also so Rechtsradikalen, zusammengetreten worden. Die hatten aber erst gewartet, bis ich im Schlafsack drin war und mich kaum noch wehren konnte. Bis ich da wieder rauskam, das dauerte eine Weile. Die haben mich richtig zusammengetreten. Das war echt unangenehm.

(Seite 121)

* Kapitel in Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere, Köln, Neuauflage 2012, Seite 77-124

LESETIPP: „Nur für Hartgesottene!“

homeless
In der linken Wochenzeitung „Jungle World“ erschien kürzlich ein guter Bericht über den Besuch bei einem Kälteschutz in Offenburg, der zentralen Anlaufstelle für Obdachlose im Ortenaukreis.
In dem Bericht finden sich auch einige interessante Sachinformationen:

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) sind in diesem Winter bisher drei Obdachlose erfroren. Schätzungen der BAGW zufolge gab es in Deutschland im Jahr 2008 ungefähr 230.000 Wohnungslose, d.h. Menschen, die nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten, etwa 20.000 von ihnen lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße. Die deutschen Behörden führen keine Statistiken zur Zahl der Wohnungslosen.

Die meisten Obdachlosen leiden unter Mangelernährung, Rheuma, Hauterkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparats, psychischen Krankheiten oder Suchtproblemen leiden, so ist unter ihnen zum Beispiel die Anzahl der psychisch Erkrankten fünfmal höher als beim Rest der Bevölkerung, ein Drittel hat zudem erhebliche Alkoholprobleme. Das sind schwierige Voraussetzungen, um wieder auf die Beine zu kommen.

War Obdachlosigkeit früher ein klassisches Männerproblem, so ist der Anteil der Frauen mittlerweile auf 25 Prozent angestiegen. Leben sie auf der Straße, sind damit häufig spezifische Probleme verbunden. Will eine Obdachlose etwa bei einem Bekannten übernachten, so steht sie häufig in einem materiellen und sexuellen Abhängigkeitsverhältnis. Kommt es zu Gewalt, können sich Frauen häufig schlechter zur Wehr setzen. Männer landen statistisch gesehen zwar schneller auf der Straße, kommen dort mit den brutalen Gegebenheiten aber besser zurecht.

* Marijana Babic: Nur für Hartgesottene, in: „Jungle World“ Nr. 3, 20. Januar 2011