Archiv der Kategorie 'Gewalt gegen Obdachlose '

Kundgebung gegen Sozialdarwinismus in Berlin

Am 28. Juli 2018 fand in Berlin die Kundgebung „Stoppt die Hetze und Gewalt gegen Wohnungslose, Erwerbslose und Geringverdienende“ statt.
Hier ein paar Bilder davon:
Armut ist kein Verbrechen

Einschreiten

Menschenverachtung tötet

Der Berliner Journalist Peter Nowak hat für die taz einen Bericht verfasst. Er schreibt:

„Unter dem Motto „Stoppt die Hetze und Gewalt gegen Wohnungslose, Erwerbslose und Geringverdienende“ hatte die Initiative „Niemand ist vergessen“ am Samstag zu einer Kundgebung am S-Bahnhof Frankfurter Allee aufgerufen. Da- mit sollte an den Mordversuch an zwei wohnungslosen Männern erinnert werden, die vergangene Woche am S-Bahnhof Schöneweide von einem Unbekannten im Schlaf mit einer brennbaren Flüssigkeit begossen und angezündet wurden. Beide überlebten schwerverletzt. Etwa 40 Menschen nahmen an der Kundgebung teil.
„Wir haben die Kundgebung am S-Bahnhof Frankfurter Alllee gemacht, weil Angriffe gegen Obdach- und Wohnungslose an vielen Orten stattfinden“, begründete Julia Ziegler von der Organisationsgruppe die Ortswahl. Die Initiative gründete sich 2008 zum Gedenken an Dieter Eich, der am 23. Mai 2000 von Nazis in Berlin-Buch ermor- det wurde. Einer der Täter hatte später über sein Motiv gesagt: „Der musste weg, der war asozialer Dreck.“ Seitdem befasst sich die Initiative auch mit der Geschichte der Verfolgung von als asozial stigmatisierten Menschen im Nationalsozialismus, die nach 1945 nicht entschädigt und oft weiter verfolgt wurden.
Darüber, wie Obdach- und Wohnungslosen das Leben im Stadtraum erschwert wird, informierten während der Kundgebung Bilder und Texte an einer Infowand. So würden Bänke im öffentlichen Raum so gestaltet, dass es unmöglich ist, sich daraufzulegen. Mit dem Leitbild „Saubere Stadt“ werde oft die Vertreibung von Wohnungs- und Obdachlosen gerechtfertigt, kritisierte der Tübinger Publizist Lucius Teidelbaum, Autor des 2013 veröffentlichten Buches „Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus“, in einer Rede bei der Kundgebung. Teidelbaum betreibt den Blog Berberinfo, auf dem er Angriffe auf Wohnungs- und Obdachlose auflistet. Initiativensprecherin Ziegler forderte: „Armut darf nicht sanktioniert werden.“ Unterstützungsangebote sollten nicht an Bedingungen geknüpft und „Menschen als handelnde, selbstbestimmte Subjekte anerkannt werden, auch wenn sie keine Wohnung haben“.
Zu dem Anschlag vom vergangenen Montag in Schöneweide ermittelt die Polizei weiter. Zurzeit würden Videoaufnahmen ausgewertet, sagte eine Polizeisprecherin am Sonntag der taz. Bereits am Mittwoch konnte eines der Opfer befragt werden. Über seine Aussagen ist jedoch nichts bekannt. Der andere Mann liegt weiterhin im Koma.“

* Peter Nowak: Stigmatisiert und entwertet. Kundgebung erinnert an Gewalt gegen Obdachlose. Zu Brandanschlägen ermittelt weiter die Polizei, taz, 30.07.18, http://peter-nowak-journalist.de/2018/07/30/stigmatisiert-und-entwertet/

Koblenz: Obdachloser ermordet

In Koblenz wurde am 23. Märzl 2018 auf dem Friedhof der 59-jährige Obdachlose Gerd Michael Straten, ein früherer Kohlehändler, enthauptet aufgefunden.
Straten galt als freundlichen, aber verschlossenen Einzelgänger.
Die Polizei sucht nach Hinweisen zu der Tat.
Mordopfer Gerd Michael Straten

Vorfall von Gewalt gegen Obdachlose im Juni 2017

Am 10. Juni 2017 rief in Berlin-Friedrichshain ein 37-Jähriger Mann rassistische Parolen und griff einen 52 und einen 65 Jahre alten Mann an, die unter einer S-Bahn-Brücke geschlafen hatten. Er schlug einen und trat den anderen. Der 52-Jährige wurde dadurch verletzt.

Quelle: Andrea Röpke: 2018. Jahrbuch rechte Gewalt, München 2018, Seite 282

Bochum: Mordversuch an Obdachlosen

Eine Pressemitteilung der Polizei Bochum berichtet über einen brutalen Mordversuch am 9. November 2017 in Bochum:

„Der Täter folgte dem Bochumer zunächst auf den Parkplatz gegenüber der „Alten Bahnhofstraße“. Dort schlug er den 55-Jährigen gegen 1.30 Uhr zu Boden und bewarf ihn mit faustgroßen Verbundsteinen, die dort in größerer Menge gelagert sind.
Anschließend bedeckte der Täter das augenscheinlich bewusstlose Opfer fast komplett mit weiteren Steinen, einer Palette sowie mehreren Säcken mit Splitt. Danach flüchtete der Mann vom Tatort.
Der Geschädigte, der sich über mehrere Stunden nicht selbst befreien konnte, wurde gegen 3.50 Uhr gefunden. Eine Rettungswagenbesatzung brachte den stark unterkühlten Mann, der sich mehrere Rippenbrüche zugezogen hatte, in ein örtliches Krankenhaus, wo er zunächst auf der Intensivstation behandelt wurde. Mittlerweile konnte der 55-Jährige das Hospital wieder verlassen.“

Die BILD berichtet nun dass es sich sich bei dem Opfer Reszap W., einen Mann aus Polen, um einen Obdachlosen handelt.

* POL-BO: Brutaler Überfall noch nicht geklärt – Wer kennt diesen Mann?, 06.12.2017,
https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/11530/3807956
* Andreas Wegener: Polizei Bochum fahndet nach Täter Obdachloser wurde verprügelt und lebendig begraben, http://m.bild.de/regional/ruhrgebiet/fahndungsfoto/obdachloser-lebendig-vergraben-54098430.bildMobile.html

Delmenhorst: Obdachlose ermordet

Im niedersächsischen Delmenhorst wurde in der Nacht vom 3. auf den 4. November 2017 eine 51-jährige aus Polen stammende Obdachlose ermordet. Zuvor wurde sie schwer misshandelt und erlitt so schwere Verletzungen, dass sie in der Folge daran starb. Genauere Hintergründe sind bisher noch unbekannt. Tatort war eine Garage im alten Rangierbahnhof. Die Frau war erst seit rund einer Woche obdachlos und hatte zuvor in einer Sozialwohnung gewohnt. Diese hatte sie Anfang November durch eine Zwangsräumung durch die Stadt verlassen müssen.
Eventuell hat sie den Gang zu einer regulären Notübernachtung gescheut, weil es in Delmenhorst nur eine Notübernachtung für Männer gibt. Katrin Kriesche-Radtke vom Tagesaufenthalt der Diakonie für Wohnungslose in Delmenhorst meinte auch: „Frauen brauchen einen abgeschlossenen, männerfreien Raum“.

Die Tat könnte aus zwei Gründen mit der Obdachlosigkeit des Opfers zu tun haben:
- Sie wurde als Opfer ausgewählt, weil sie eine Obdachlose war. Motiv kann dabei der Hass auf Obdachlose sein, verbunden mit einer Entmenschlichung von sozial Benachteiligten und generell fehlenden Unrechtsbewusstsein.
- Sie hatte keinen sicheren Rückzugsraum und war für den oder die TäterInnen deswegen ein leichter erreichbares Opfer.

Obdachlose Frauen und Mädchen sind noch einmal speziell von sexualisierten Übergriffen, z.T. auch durch männliche Obdachlose bedroht, jedoch gab die Polizei an, das es keine Hinweise auf ein Sexualverbrechen gäbe.

* Andreas D. Becker: Tote Obdachlose in Delmenhorst. Getöte Frau lebte im Problemblock des Wolleparks, 07.11.2017, https://www.weser-kurier.de/region/delmenhorster-kurier_artikel,-getoete-frau-lebte-im-problemblock-des-wolleparks-_arid,1666519.html