Archiv der Kategorie 'Armutszeugnis'

Berlin: Vermutlich erstes obdachloses Kälteopfer im Januar 2016 gefunden

In einem Artikel vom 16. Januar 2016 wird berichtet über das vermutlich erste obdachlose Kälteopfer berichtet, was in Berlin-Charlottenburg gefunden wurde:

„In Berlin ist vermutlich zum ersten Mal in diesem Jahr eine Person erfroren. Passanten entdeckten am Sonnabendmorgen gegen 7 Uhr einen leblosen Mann an der Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei liegen keine Anzeichen für ein Fremdverschulden vor. Eine Obduktion soll klären, ob der Mann möglicherweise erfroren ist. Mit einem Ergebnis wird nach Angaben der Polizei nicht vor Ende des Monats gerechnet.
Am Montag vergangener Woche hatten Helfer des Kältebusses in der Bundesallee einen obdachlosen Rollstuhlfahrer vor dem Erfrieren bewahrt. Die Rettung kam buchstäblich im letzten Augenblick, der Mann war stark unterkühlt.
Der Kältebus der Stadtmission ist seit 1994 unterwegs. Mit Tee, warmer Kleidung und Schlafsäcken an Bord hilft er Obdachlosen. Nach Schätzungen der Stadtmission leben im Berliner Stadtgebiet deutlich mehr als 3000 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Über die Notfallnummer 0178 523 58 38 können Bürger die Helfer alarmieren, wenn sie Menschen in Not vorfinden.“

* Tobias Köberlein: Vermutlich erstes Kälteopfer: Mann tot am Kudamm gefunden, 16.01.2016, http://www.morgenpost.de/berlin/polizeibericht/article206930337/Vermutlich-erstes-Kaelteopfer-Mann-tot-am-Kudamm-gefunden.html

München: Obdachlose fordern menschenwürdige Unterbringung

Ein Artikel in der Müchner tz vom 1. April 2016 berichtet vom „Aufstand der Armen: Obdachlose fordern Unterbringung“:

„Sie fordern das Notwendigste: „Wir wollen wohnen“ hallen die Protestrufe vor der Bayernkaserne. Dort haben am Donnerstag Obdachlose ihrem Unmut Luft gemacht.
Denn nachdem die Kälteschutzeinrichtung zum 1. April schließen wird, verlieren über 400 Menschen ihre Schlafmöglichkeiten! Die Stadt hatte das Kälteschutzprogramm eingerichtet. Vom 1. November bis zum 31. März werden 1000 Plätze bereitgestellt für Menschen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen und ein Quartier haben. Seit Wochen kämpft die Initiative „Wir wollen wohnen“ darum, dass auch Obdachlose in Notunterkünften der Stadt untergebracht werden. Denn die Not wird größer: Seit 2008 hat sich die Zahl auf 5400 Wohnungslose verdoppelt. Bis zu 650 von ihnen verbringen die Nacht im Freien!“

* Giuliana Barrios: Aufstand der Armen: Obdachlose fordern Unterbringung, 01.04.16, http://www.tz.de/muenchen/stadt/schwabing-freimann-ort43408/aufstand-armen-obdachlose-fordern-unterbringung-6269582.html

Lesenswerter Artikel zu Obdach- und Wohnungslosigkeit

Die linke Wochenzeitung „Jungle World“ aus Berlin widmete ihre Ausgabe Nr. 35 dem Schwerpunktthema Obdachlosigkeit. Besonders lesenswert war dabei der Artikel „Den Teufelskreis durchbrechen“ von Christian Jakob. Hier mal der Artikel als Zitat:

Ohne Wohnung keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung. Wohnungslose in Deutschland sind meist auch Langzeitarbeitslose. Das Hartz-IV-System trägt dazu bei, dass die Obdachlosigkeit in Deutschland steigt. Besonders betroffen sind Migranten aus Osteuropa. […] Eigentlich sollte die Sache damit geregelt sein. »Leistungen für die Unterkunft werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen erbracht«, heißt es im Sozialgesetzbuch XII. Wer sich keine eigene Wohnung leisten kann, für den muss der Staat die Miete zahlen. Doch oft geschieht das nicht: Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland steigt. 284 000 sollen es nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) derzeit sein – eine Zunahme um fast 15 Prozent in den vergangenen vier Jahren. Rund 25 000 Menschen leben heute ohne Unterkunft auf der Straße. 2016, so schätzt der Verband, werden 380 000 Menschen in Deutschland keine Wohnung haben.
Einer der Gründe, weshalb Menschen trotz Sozialleistungsanspruchs auf der Straße landen – oder dort bleiben –, sind psychische Erkrankungen. Diesen Zusammenhang haben jetzt Psychiater der TU München untersucht. Ihre Studie »Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe«, kurz Seewolf (s. Interview S. 5), ist die bislang größte Erhebung zu den Lebensumständen von Wohnungslosen bundesweit. Das Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der Wohnungslosen leiden unter psychischen Erkrankungen, aber nur ein Drittel der Betroffenen erhält eine angemessene Versorgung. Die Wissenschaftler befragten 232 Wohnungslose aus dem Raum München. In der wohlhabenden Großstadt sei die Situation »besonders angespannt«, schreiben sie. »Bezahlbare Wohnungen sind hier rar.« Derzeit verschärfe sich die Lage durch Zuwanderung aus Osteuropa.
Die Studienteilnehmer waren im Durchschnitt seit über fünf Jahren ohne eigene Wohnung. Als sie ihre letzte Bleibe verloren, waren sie im Mittel 42 Jahre alt. Im Schnitt litten sie bereits 6,5 Jahre vor Beginn der Wohnungslosigkeit an behandlungsbedürftigen psychische Störungen. »In erster Linie sind Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen, die aus verschiedenen Gründen schon vorher labil und verwundbar waren«, schreiben die Forscher. Bei rund 40 Prozent fanden sie eine Depression, bei rund 20 Prozent Angsterkrankungen. Zudem litten 80 Prozent unter Suchtproblemen. Jeder Dritte Befragte gab Geldmangel als Ursache seiner Wohnungslosigkeit an, gefolgt von Trennung oder Tod eines Partners oder der Eltern (19 Prozent) oder einer Erkrankung (17 Prozent).
Die Psychiater untersuchten nicht nur die Wohnungslosen, sondern auch die eigene Branche – was sich streckenweise wie eine Abrechnung mit der Antipsychiatriebewegung liest. So erinnern sie daran, dass durch die »Enthospitalisierung« in den siebziger Jahren die Zahl der Psychiatriebetten deutlich reduziert wurde. »Chronisch Kranke wurden dadurch auf den Bürgersteig verlegt.« In den Anfangsjahren der Enthospitalisierung sei unbemerkt geblieben, dass viele chronisch psychisch Kranke »nicht Fuß fassen konnten« und nach und nach in die Wohnungslosigkeit gerieten. »So sehr vielen psychisch Kranken diese non-restriktive Lebensform kurzfristig entgegenkommt, so sehr sind sie langfristig von Verwahrlosung und erhöhter Mortalität bedroht«, so die Forscher.
Deshalb fordern sie eine stärkere Kooperation der Wohnungslosenhilfe mit psychiatrischen Institutionen. Für psychisch schwer Kranke, die besonders häufig auf der Straße landen, müssten jedoch Wohnformen eingerichtet werden, in denen »nicht die Therapie mit dem Ziel der zeitnahen Heilung im Vordergrund steht, sondern die langfris­tige Fürsorge«. Ein Teil der psychisch kranken Menschen schließlich brauche »Schutzräume ohne forcierte Therapieanforderungen im Sinne eines vorübergehenden ›Time-out‹«.
Kürzlich war auch der Bundesverband Wohnungslosenhilfe mit einem Appell an die Öffentlichkeit getreten und hatte den »Erhalt bezahlbaren Wohnraums« gefordert. In den vergangenen Jahren habe die Wohnungslosigkeit in vielen Regionen Deutschlands deutlich zugenommen und werde sich weiter verschärfen, sagte der BAG-Vorsitzende Winfried Uhrig. »In den Ballungsgebieten stiegen die Mietpreise ungebrochen.« Gleichzeitig schrumpfe der Bestand an Sozial- und bezahlbaren Wohnungen. »Und wer erstmal auf der Straße ist, muss Gewalt und weitere Diskriminierung fürchten«, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Thomas Specht. Die BAGW forderte eine deutliche Aufstockung der Förderung des sozialen Wohnungsbaus.
Besonders stark wachse die Zahl junger Wohnungsloser. Jeder fünfte Mensch ohne Obdach ist jünger als 25. Ursache dafür sei unter anderem das Hartz-IV-System: Als Sanktion können auch die Mietzahlungen gekürzt oder eingestellt werden. »Das führt direkt in die Obdachlosigkeit und muss sofort abgeschafft werden«, sagt Specht.
Da Wohnungslose häufig langzeitarbeitslos seien, müsse auch weit mehr getan werden, um wohnungslose Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Den Teufelskreis »Ohne Wohnung keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung« könnten die Betroffenen kaum durchbrechen. Auch in der Gesundheitspolitik sieht die BAGW Handlungsbedarf. Noch immer seien mehr als 100 000 Menschen ohne Krankenversicherungsschutz, darunter viele Wohnungslose. Schuld seien oft hohe Beitragsschulden, diese müssten in Notfällen erlassen werden.
Migranten aus Osteuropa finden sich in wachsender Zahl bei den Notunterkünften ein. In Berlin etwa stammten 40 Prozent der Klienten im vergangenen Winter aus Osteuropa. Nach einer Erhebung des Berliner Senats vom Juni kommen die »wenigsten aus Rumänien und Bulgarien«, sagte der Sozialstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Carsten Engelmann (CDU). Sie stammen überwiegend aus Russland, Polen und den baltischen Ländern.
Viele blieben weniger als ein Jahr oder kehrten vor den Wintermonaten zurück in ihre Herkunftsländer. Andere verbrauchen ihre knappen Ersparnisse und landen auf der Straße, ohne Wohnung finden sie keinen legalen Job und ohne Job keine Wohnung. Und wer nicht in Deutschland gemeldet ist, hat keinen Rechtsanspruch auf Sozialleistungen.
»EU-Migranten kommen zum Beispiel nicht in Wohnprojekte für Obdachlose rein, weil für sie niemand die Finanzierung übernimmt«, sagt die Sozialarbeiterin Marie-Therese Reichenbach von den Berlinern Frostschutzengeln, einem Projekt der GEBEWO–Soziale Dienste. »Sie sind auf sogenannte niedrigschwellige Einrichtungen wie Nacht­asyle angewiesen, weil sie keinen Hartz-IV-Anspruch haben, wenn sie hier nicht zuvor of­fiziell erwerbstätig gewesen sind.« Halten sie sich länger als drei Monate in Deutschland auf, gibt es zwar eine Chance, sozialrechtliche Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. Die Rechtslage ist aber umstritten. Migranten aus Mittelosteuropa würden »viel schneller verelenden als Einheimische, (…) weil sie sozialrechtlich von vielen Integrationsangeboten ausgeschlossen werden«.
Hamburg hat deshalb das Winternotprogramm aufgestockt. »Wir haben aus den vergangenen Wintern gelernt und haben von Anfang an deutlich mehr Plätze zur Verfügung gestellt als in anderen Jahren«, sagt der Hamburger Sozialsenator Detlef Scheele. Mit den Schlafstellen verbunden ist eine zusätzliche Anlaufstelle für osteuropäische Obdachlose.
Im Sommer aber ist die Hamburger Linie eine andere. Vor wenigen Wochen löste der Bezirk Altona ein Obdachlosenlager am Nobistor auf. Eine mehrseitige, auf Deutsch verfasste juristische Allgemeinverfügung wurde in den Grünanlagen am Nobistor verteilt. Darin wurden die Betroffene aufgefordert, den Platz innerhalb von zwei Tagen zu räumen. Vor allem Bulgaren und Rumänen hatten dort ein Lager errichtet, in dem rund 60 Menschen mehrere Wochen in Zelten und Autos campierten. Allein die Ankündigung einer Räumung habe dazu geführt, dass die obdach­losen Familien mit ihren Kindern weggezogen seien und nun »nach wie vor kein Dach über dem Kopf haben«, sagte der Chef der Hamburger Diakonie, Dirk Ahrens. »Wir brauchen keine Räumungen, sondern kurzfristig weitere Unterbringungsmöglichkeiten für Obdachlose.«
In Berlin nimmt man sich gleichwohl an Hamburg ein Beispiel. Hier ist die Curvybrache am Spreeufer im Berliner Stadtteil Kreuzberg, auf der viele Roma leben, akut von der Räumung bedroht.

* Christian Jakob: Den Teufelskreis durchbrechen, in: Jungle World Nr. 35-2014, 28. August 2014, http://jungle-world.com/artikel/2014/35/50471.html

TV-Dokumentation über das Leben auf der Straße

Unter dem Titel „Wenn das Leben entgleist“ zeigte 2012 der NDR eine Dokumentation über das Leben von obdachlosen Menschen (http://www.youtube.com/watch?v=g5749HRsKqg). Zwar sind die Interviewfragen manchmal etwas suggestiv („Haben sie nicht auch Schuld?“), aber es kommen zuallererst einmal Obdach- und Wohnungslose selber zu Wort. Hier einige Zitate aus der Dokumentation:

Man ist schon irgendwo abgeschrieben. Manche denken wir vielleicht taugen nichts. Wir wollen hier nur auf Kosten des Staates leben.

Diana Bendix (42), obdachlose Frau, NDR-Dokumentation „Wenn das Leben entgleist“, 2012

Ich stell mich ungerne noch bei Leuten hin. Weil man immer oft auch angegriffen wird als Frau. Viele sehens als Sexobjekt, als wär man Freiwild. Nutzen das teilweise sogar aus. Und das finde ich traurig. Weil man selber schon in so ner Scheißsituation hängt.

Diana Bendix (42), obdachlose Frau, NDR-Dokumentation „Wenn das Leben entgleist“, 2012

Meist ist das ja so: Keine Arbeit, keine Wohnung. Keine Wohnung, keine Arbeit.

Bewohner einer Notübernachtung in Hannover, NDR-Dokumentation „Wenn das Leben entgleist“, 2012

Um Gottes Willen. Zusammenschlagen lassen und Geld klauen lassen.

Bewohner einer Notübernachtung in Hannover auf die Frage ob er draußen schlafen würde, NDR-Dokumentation „Wenn das Leben entgleist“, 2012

Vor allem am Wochenende kommt das vor. Wenn Wohnungslose im Schlafsack liegen, schon fest schlafen, plötzlich ein Übergriff von betrunkenen Jugendlichen stattfindet. Manchmal wird das sogar mit Handy gefilmt von anderen Personen. […] Das ist so Überraschung. Die meisten können sich gar nicht so schnell wehren, aus dem Schlafsack herauszukommen, um sich zur Wehr zu setzen, um überhaupt zu reagieren.

Franziska Walter, Krankenschwester in einem Treffpunkt für Obdachlose, NDR-Dokumentation „Wenn das Leben entgleist“, 2012

Pressemitteilung des „AK Marginalisierte – gestern und heute“ vom 24.11.2013

Bezirksamt narrt BVV – 100.000 € für „was“ beschlossen?
 
Mit Verwunderung hat der Arbeitskreis „Marginalisierte – gestern und heute“ am vergangenen Freitag beim „Runden Tisch“ für einen Gedenkort zu den ehemaligen Arbeitshäusern Rummelsburg auf den Antrag des Bezirksamtes und Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Lichtenberg reagiert, der de facto einen Blankoscheck über 100.000,- aus dem Haushalt 2014 darstellt. Dazu erklärte der Arbeitskreis:
„Jedwede Form eines Interessenbekundungsverfahrens zu einer begrenzten und inhaltslosen Ausschreibung einschließlich Finanzierung zum derzeitigen Zeitpunkt halten wir für formell und inhaltlich nicht tragbar. Die so genannte Expertenkommisson wie auch der „Runde Tisch“ erweisen sich als überflüssig und ausschließlich Deckmantel bzw. Spielball für politische Entscheidungsträger_innen und staatliche „Gedenkpolitik“ zur Umsetzung eigener Interessen und Motivationen. Dafür lassen wir uns nicht länger über die „Mitmachfalle“ instrumentalisieren.
Die 100.000,- € aus dem Bezirkshaushalt 2014 sollten daher lieber in soziale Projekte, Schulen und Kindertagesstätten,in die Lebensbedingungen sozial und rassistisch ausgegrenzter Menschen sowie in den aktuellen Kampf gegen Ungleichwertigkeitsdenken, Rassismus und soziale Ausgrenzung investiert werden.“
Wir können weder die fortgesetzte Vorgehensweise des Bezirksamtes, über die Köpfe eines Teiles des „Runden Tisches“ hinweg zu entscheiden und zu handeln sowie ständig vollendete Tatsachen nach eigenen Interessen und Motivationen zu schaffen, länger hinnehmen. Noch können wir die Verantwortung für eine aus unserer Sicht bisher völlig offene, höchst umstrittene und fragwürdige Ausgabe von 100.000,- Euro mittragen, die auf Fehlinformationen im Antrag des Bezirksamtes fußt. Deshalb haben wir den „Runden Tisch“ am 22. November mit sofortiger Wirkung verlassen und fordern die Abgeordneten der BVV – Lichtenberg auf:
1. Den angeblich „fortgeschrittenen Beratungsstand des Runden Tisches „Gedenken an der Rummelsburger Bucht“ (im Folgenden: Runder Tisch) detailliert abzufragen und dabei alle derzeitigen und ehemaligen Beteiligten anzuhören.
2. Den „zweistufigen Gestaltungs- und Realisierungswettbewerb“, der zu keinem Zeitpunkt vom Runden Tisch beschlossen wurde und zum derzeitigen Zeitpunkt auf keinerlei gemeinsame „Erkenntnisse“, Konzepte und inhaltliche Absprachen, Diskussionen und Ausrichtungen zu einem Gedenkort fußt und die Verantwortung lediglich auf die Künstler_innen abwälzt, zu hinterfragen und zu stoppen. Vor jeder weiteren Entscheidung muss auf den Sachverstand vieler gedenk- und erinnerungspolitischer sowie künstlerisch – gestalterisch tätiger Akteur_innen und Institutionen auf dem Gebiet von Gedenkorten und Ausschreibungen zurück gegriffen und diese in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
3. Es gibt keine „Ergebnisse“, „die es erlauben, einen Gestaltungswettbewerb für den künftigen Gedenkort Rummelsburg auf den Weg zu bringen.“ Weder hat die Expertenkommission bisher nach ihrer Konstituierung auch nur einmal getagt, noch ist der Runde Tisch über Gedenkstättenrundgänge und Vorträge von Akteur_innen zu einzelnen Zeitepochen hinaus gegangen. Diskussionen oder gar gemeinsame „Ergebnisse“ daraus sowie zu Inhalten und Ausrichtungen eines zukünftigen Gedenkortes über die sehr komplexe und differenziert aufzuarbeitende Geschichte gab es ebenso wenig, wie zu den künstlerisch – gestalterisch möglichen Formen. Das Bezirksamt sollte von der BVV aufgefordert werden, die grundsätzliche Funktions- und Arbeitsweise sowie die Entscheidungsfindung eines Runden Tisches abzufragen, wenn dieser nicht zu einer Farce werden und Akteur_innen über das Abnicken vorgesetzter, beschlossener und vollendeter Tatsachen lediglich im Sinne von politischen Entscheidungsträger_innen sowie einer umstrittenen staatlichen „Gedenkpolitik“ benutzt  werden sollen.
4. Erneut die Kritik des Arbeitskreises an den zwei aufgestellten, geschichtsverzerrenden Gedenktafeln aufzugreifen und die somit vorhandenen „Markierungen“ durch eine dritte Tafel zu den Naziverbrechen zu ergänzen sowie über einen zentraleren Ort der Aufstellung nachzudenken. Dies könnte die ständig konstruierten und vorgeschobenen Sachzwänge und verkürzten Zeitfenster aushebeln und den Mitteleinsatz effektiver gestalten. Lediglich weitere „historische Markierungen“ einschließlich einer begrenzten Ausschreibung zu initiieren, ohne ein tiefgreifendes Konzept und ohne jede perspektivische Ausrichtung zu deren beständigen Ausbau bzw. Erweiterung im Rahmen fortgesetzter, notwendiger Forschungen für insgesamt 200.000,- €, verpufft größten Teils wirkungslos und ist keinesfalls pädagogisch, aufklärerisch nachhaltig. Hier müssen insbesondere Akteur_innen aus dem Bildungsbereich, wie z.B. die GEW etc. einbezogen werden. Quantität ersetzt nicht automatisch die Qualität. Dem Hinweis der Vertreterin des Bezirksamtes, dass von den bereitgestellten 100.000,- Euro aus dem Bezirkshaushalt sonst auch hätten 5 Schulen bzw. Kindertagesstätten ausgestaltet werden können, so diese „historischen Markierungen“ nicht im vorgeschriebenen, von außen konstruierten Zeitzwang fertig würden, folgt der Arbeitskreis nicht nur unter diesen Umständen, sondern empfiehlt dies ausdrücklich. Ebenso wären die 100.000,- € derzeit besser zu Gunsten von z.B. Wohnungslosen und Geflüchteten investiert und gleichzeitig mehr Raum und Zeit für eine Gedenk-, Lern- und Forschungs- sowie einer Begegnungsstätte geschaffen, die dem Namen auch gerecht wird und umfassend sowie differenziert über die Entstehung, Geschichte und Hintergründe sowie Betroffenen von 100 Jahren sozialer Ausgrenzung in verschiedenen Zeitepochen einschließlich den Kontinuitäten sowie Brüchen bis heute perspektivisch-aufklärerisch thematisiert.
5. Die bereits in der letzten Legislaturperiode beschlossene Anfrage an den Rat der Bürgermeister_innen endlich umzusetzen und die Voraussetzungen für die Einbeziehung des Bundes, des Landes Berlin sowie aller anderen Bezirke zu initiieren, die dem überregionalen Charakter sowie Wirkungsgrad der ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser gerecht wird. Die historische Mitverantwortung muss eingefordert werden.
6. Eine Diskussion darüber zu führen, ob das „Themenjahr“ 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2014 generell und insbesondere mit Bezug auf die Geschichte der ehemaligen Arbeitshäuser ausschließlich auf die Geschichte der DDR-Haftanstalt reduziert werden kann. Dem Vorwurf des Geschichtsrevisionismus und einer Verharmlosung des deutschen Faschismus bzw. einer Dämonisierung der DDR sollte von vornherein entgegen gewirkt werden. Eine Reduzierung der Thematik „Geschichte sozialer, rassistischer und gesellschaftlicher Ausgrenzung“ am Beispiel der Geschichte der ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser auf die DDR auf Grund einer regionalen, standortbezogenen Zuschreibung birgt diese Gefahr in sich, ist zu verkürzt und wissenschaftlich unhaltbar. Unrecht und soziale Ausgrenzung mit Kontinuitäten und Brüchen gab es mit Differenzierungen und unterschiedlichen gesellschaftspolitischen sowie zeithistorischen Hintergründen in beiden deutschen Staaten nach 1945 und auch nach 1990 bis heute. Die Herauslösung und Isolierung der DDR-Geschichte der ehemaligen Arbeitshäuser Rummelsburg aus historischen Kontinuitäten und Brüchen sowie zeitgeschichtlichen Kontexten, läuft einer grundsätzlichen Aufarbeitung entgegen. Darüber hinaus ist die suggerierte und unhinterfragte Konstruktion zweier angeblich homogener Betroffenengruppen, der „politisch Verfolgten“ und der „Kriminellen“ so weder formell noch wissenschaftlich-analytisch haltbar bzw. aufgearbeitet. Deshalb muss das Themenjahr und die Forschung sowie Aufarbeitung in Bezug auf soziale Ausgrenzung und Unrecht mit allen Differenzierungen eines komplexen Themas erweitert werden, über den ausschließlichen Themenbezug DDR hinaus, um glaubwürdig zu sein und als nicht populistisch sowie politisch motiviert wahrgenommen zu werden.
Abschließend fordern wir die Abgeordneten der BVV – Lichtenberg sowie des Abgeordnetenhauses von Berlin auf, alle Möglichkeiten zu prüfen sowie Initiativen zu ergreifen, damit der Senat seinen Einfluss auf den Liegenschaftsfonds geltend macht, um einen Gedenk-, Lern- und Forschungsort sowie eine Begegnungsstätte auf dem derzeit noch von der Berliner Polizei angemieteten Areal der ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser nach dessen Rückgabe und vor dem Weiterverkauf festzuschreiben.
 
Siehe ebenfalls