Archiv der Kategorie 'Armutszeugnis'

Essen: Verurteilt wegen unterlassener Hilfeleistung – dachte es war „nur ein Obdachloser“

In Essen wurden am 18. September 2017 drei von vier Angeklagten (55, 39, 62) wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen verurteilt.
Was war geschehen? Die Verurteilten hatten am 3. Oktober 2016 als KundInnen in einem Bankschalterraum den sterbenden Rentner Karl H. (83) am Boden ignoriert. Dieser starb an den Folgen der unterlassenen Hilfeleistung. Die Verurteilten steigen auf dem Weg zum Automat sogar über den alten Mann.
Der Richter verurteilte die „Scheiß-egal-Haltung“ der BankkundInnen. In der empörten medialen Berichterstattung ging aber die Begründung der Angeklagten für ihr Nichtstun etwas unter.
Einer der Anklagten, Karl-Heinz T., verteidigte sich vor Gericht: „Ich dachte er sei ein schlafender Obdachloser“.
Daraufhin fragte der Richter folgerichtig, ob er nicht auch einem Obdachlosen helfen würde, „schließlich sind das keine Menschen zweiter Klasse.“ Darauf schwieg der Angeklagte.
Auch Alfred B. hielt den am Boden liegenden Senioren für einen schlafenden Obdachlosen.
Ebenso die dritte Angeklagte, Sandra G.
Erst ein fünfter Kunde rief Hilfe.

Nun kann es sein, dass die KundInnen tatsächlich in Karl H. „nur“ einen Obdachlosen gesehen haben, der schläft. Vermutlich haben sie in ihm aber vor allem einen Obdachlosen gesehen und nach dieser schnellen Kategorisierung so wenig mit ihm zu tun haben wollen wie möglich. Kein zweiter Blick und kein Nachfragen, wie es einem geht. Auch Obdachlose legen sich an Not-Übernachtungsplätzen wie beheizten Bankfilialen für gewöhnlich nicht mitten in den Weg, sondern an die Seite. Aber als Obdachloser kategorisiert, war der Mann nur ein „Ding“. Über Dinge steigt man drüber, über Menschen eher nicht.

Hamburg: Verdrängung von Obdachlosen

Bereits Mitte März 2016 berichtete das „Hamburger Abendblatt“ in einem Artikel mit der Überschrift „Hamburg lässt Obdachlose morgens wecken“ dass in Hamburg das Citymanagement und das Bezirksamt Obdachlosen nur noch nachts den Aufenthalt in der Innenstadt erlaubt.
Konkret geht es um das Lagern in den Eingängen von Geschäften in der Innenstadt. Da das den Beschäftigten angeblich nicht zumutbar sei, sollen Obdachlose nun frühmorgens vertrieben werden.
Der SPD-Bezirksamtschef Falko Droßmann wird vom Abendlbatt wie folgt zitiert:

„Es wird nicht mehr geduldet, dass sich die Obdachlosen auch tagsüber dort mit ihrem Hab und Gut auf den öffentlichen Wegen aufhalten. Das ist weder den Angestellten der Kaufhäuser noch den Passanten zuzumuten“

.
Demzufolge geht es gar nicht nur um die Hauszugänge, sondern um „öffentliche Wege“. Begründet wird das Vorgehen mit Fürsorge für die Angestellten. Vermutlich geht es aber auch darum, dass Obdachlose erkennbar Armut verkörpern und ihre Anwesenheit sich vermeintlich geschäftsschädigend auswirken kann.
Weiter wird damit argumentiert, dass Obdachlose ihre Notdurft verrichten würden. Statt aber darauf mit dem Angebot durch immer begehbaren Toiletten zu antworten, werden Obdachlose vertrieben.
Ansonsten wird mit „Angst“ argumentiert. Nicht aber die Angst von Obdachlosen vor Übergriffen, sondern der übrigen Bürger*innen. Worin die Gefahr besteht, wird aber nicht gesagt.

* Ulrich Gassdorf: Hamburg lässt Obdachlose morgens wecken, Hamburger Abendblatt, 13.03.17, http://www.abendblatt.de/hamburg/hamburg-mitte/article209923641/Hamburg-laesst-Obdachlose-morgens-wecken.html

Aalen (BaWü): Obdachloser erfroren

Im schwäbischen Aalen ist am 25. Januar 2017 im Bereich „Hasennest“ zwischen Wasseralfingen und Aalen aufgefunden ein 42-jähriger Obdachloser erfroren aufgefunden worden. In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar fielen die Temperaturen in Aalen auf unter zehn Grad minus.
Das berichtet die „Schwäbische Zeitung“.

Freiburg: Obdachlose aus der Innenstadt vertrieben

Die „Badische Zeitung“ berichtete am 3. März 2016, dass in Freiburg Obdachlose von der Polizei aus der Innenstadt vertrieben werden:

„Nachts müssen Obdachlose fort aus der Freiburger Innenstadt. Sonst droht ihnen ein polizeilicher Platzverweis. Simone Lutz prognostiziert: Sie werden nur für einige Zeit verdrängt, bis sie irgendwann wiederkommen.
[…] Sie sind ein soziales Problem – und soziale Probleme löst man nicht mit polizeirechtlichen Maßnahmen. Wenn nun die Stadtverwaltung Obdachlose nachts per Verfügung aus der Innenstadt verbannt, wird der Erfolg dieser Maßnahme nicht von Dauer sein. Denn diese Menschen sind ja nicht weg – sie werden nur für einige Zeit aus der Innenstadt verdrängt, bis sie irgendwann wiederkommen. Das weiß auch die Stadtverwaltung.“

Weiter berichtet der Artikel davon das Geschäftsleute die Verdrängung forcieren:

„Doch im vergangenen Jahr hatte sie nicht nur von Einzelhändlern mächtig Druck bekommen und versprochen, für eine saubere und sichere Innenstadt zu sorgen. In diesem Zusammenhang dürfte auch die Obdachlosenaktion zu sehen sein.“

* Obdachlose in Freiburg Soziale Probleme löst man nicht mit Polizeigewalt, Badische Zeitung, 03.03.2016, http://www.badische-zeitung.de/kommentare-1/soziale-probleme-loest-man-nicht-mit-polizeigewalt--119051073.html

Berlin: Vermutlich erstes obdachloses Kälteopfer im Januar 2016 gefunden

In einem Artikel vom 16. Januar 2016 wird berichtet über das vermutlich erste obdachlose Kälteopfer berichtet, was in Berlin-Charlottenburg gefunden wurde:

„In Berlin ist vermutlich zum ersten Mal in diesem Jahr eine Person erfroren. Passanten entdeckten am Sonnabendmorgen gegen 7 Uhr einen leblosen Mann an der Ecke Kurfürstendamm und Joachimsthaler Straße. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei liegen keine Anzeichen für ein Fremdverschulden vor. Eine Obduktion soll klären, ob der Mann möglicherweise erfroren ist. Mit einem Ergebnis wird nach Angaben der Polizei nicht vor Ende des Monats gerechnet.
Am Montag vergangener Woche hatten Helfer des Kältebusses in der Bundesallee einen obdachlosen Rollstuhlfahrer vor dem Erfrieren bewahrt. Die Rettung kam buchstäblich im letzten Augenblick, der Mann war stark unterkühlt.
Der Kältebus der Stadtmission ist seit 1994 unterwegs. Mit Tee, warmer Kleidung und Schlafsäcken an Bord hilft er Obdachlosen. Nach Schätzungen der Stadtmission leben im Berliner Stadtgebiet deutlich mehr als 3000 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Über die Notfallnummer 0178 523 58 38 können Bürger die Helfer alarmieren, wenn sie Menschen in Not vorfinden.“

* Tobias Köberlein: Vermutlich erstes Kälteopfer: Mann tot am Kudamm gefunden, 16.01.2016, http://www.morgenpost.de/berlin/polizeibericht/article206930337/Vermutlich-erstes-Kaelteopfer-Mann-tot-am-Kudamm-gefunden.html