Rede auf der Kundgebung in Berlin-Schöneweide 27. Juli 2018

Auf unheimliche Art ist es trotz der Hitze eine Kälte, die uns hier frösteln lässt. In der Nacht vom 22. Juli 2018 wurden gegen 23 Uhr am Berliner S-Bahnhof Schöneweide zwei 47 und 62 Jahre alte obdachlose Männer im Schlaf mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Die beiden Opfer wurden mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.
Einer von ihnen liegt noch immer in einem künstlichen Koma.

Solche Brandanschläge sind kein Einzelfall. Ähnlichen Fall gab es bereits in den letzten Jahren mehrfach in Berlin:
* Am 3. September 2015 wurde Berlin-Wedding gegen 10.45 Uhr auf dem Nettelbeckplatz der Schlafsack eines auf einer Bank schlafenden Obdachlosen angezündet. Die TäterInnen sind eine 44-Jährige und ein 30-Jähriger. Der Schlafende bemerkte das Feuer zunächst nicht, die Polizei kann es noch rechtzeitig löschen.
* Am 18. September 2015 ließ in Berlin-Mitte ein Mann eine brennende Zeitung auf eine 31-Jährige und einen Mann fallen, die in einer Grünanlage am Koppenplatz in Schlafsäcken schlafen. Eine Zeugin löschte das Feuer und weckte die Schlafenden. Der Täter wurde in der Nähe festgenommen.
* Am 24. Dezember 2016 versuchte eine Gruppe Jugendlicher am U-Bahnhof Schönleinstraße in Berlin-Neukölln, einen schlafenden Mann anzuzünden. Fahrgäste konnten Schlimmeres verhindern. Der Haupttäter wurde zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, drei Mittäter zu Jugendstrafen von jeweils acht Monaten Haft auf Bewährung.

Deutschlandweit sind bereits mehrere Obdachlose durch diese Art von Brandanschlag ermordet worden. So wurde etwa in der Nacht vom 12. auf den 13. November 2016 in Köln am Hauptbahnhof ein 29-Jähriger Obdachloser angezündet und verstarb an den Verletzungen durch den Brand. Zuvor war er bereits verprügelt worden.

Ein Tatverdächtiger wurde inzwischen ermittelt. Möglicherweise ist auch er sozial marginalisiert. Trotzdem kann Obdachlosenhass sehr wohl eine Rolle bei der Tat gespielt haben.

Im Brasilien der 1990er Jahren war es grausame Praxis Straßenkinder mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Im Jahr 1994 sollen täglich vier Straßenkinder ermordet worden sein. Täter waren Todesschwadrone, häufig Polizisten oder Ex-Polizisten, die von Geschäftsleuten beauftragt wurden, die Innenstädte von Straßenkindern zu ’säubern‘.
So eine beauftragte direkte Gewalt mag eher selten sein in Deutschland. Doch der Gedanke der ‚Säuberung‘ ist weit verbreitet, auch wenn er nicht immer gewalttätige oder gar mörderische Züge annimmt.
Hierzulande wird diese ‚Säuberung‘ häufig an die Staatsgewalt delegiert. Resultat ist eine kaum beachtete Verdrängung und Vertreibung von sozialen Randgruppen aus den Innenstädten.
Betroffen sind Obdachlose, aber auch Sexarbeiter*innen, Drogenabhängige, Straßenpunks und sozial marginalisierte Menschen allgemein.
Dabei ist man kreativ. Erhöhte Polizeikontrollen, Bettelverbote, Kameraüberwachung, Alkoholverbote, bauliche Maßnahmen. Statt Armut zu bekämpfen, werden so Arme bekämpft.
Diese ‚Säuberungen‘ geschehen im Auftrag bzw. mit Zustimmung eines Teils der bürgerlichen Gesellschaft.
Genau solche staatlichen Maßnahmen gegen soziale Randgruppen und die sie begleitenden Legitimationskampagnen können von einzelnen TäterInnen oder Gruppen als Legitimation von Gewalt verstanden werden.
Die direkte Gewalt gegen Obdachlose ist nämlich nur die Speerspitze einer generellen Abwertung und Diskriminierung von Menschen auf Grund des ihnen zugeschriebenen niedrigen sozialen Status.
Diese direkte Gewalt endet oft tödlich. Die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ zählte von 1989 bis Ende 2017 knapp 240 ermordete Obdach- und Wohnungslose bei Angriffen durch nicht-wohnungslose Täter und Täterinnen. Sowie rund 850 Fälle schwerer Körperverletzung. Zumindest bei einem Teil dieser Morde dürfte auch der Hass auf Obdach- und Wohnungslose eine Rolle gespielt haben. Dieser Hass ist nicht zwingend an eine Ideologie gebunden, auch wenn er sich oft mit einem extrem rechten Weltbild verbindet.
So waren von den 179 Menschen, die laut der Amadeu Antonio Stiftung von 1990 bis 2016 von Neonazis umgebracht worden sind, 25 obdachlos.

Ebenso wie beim Antisemitismus müssen wir uns aber von der Vorstellung lösen dass ein deutschnationales Weltbild zwingend erforderlich ist für Übergriffe auf Obdach- und Wohnungslose. Ob die Täterin oder der Täter nun stramm deutschnational ist oder nicht, die TäterInnen haben trotzdem ein rechtes Weltbild.
Sie glauben an das Recht des Stärkeren.
Sie glauben, sie wären legitimiert Obdach- und Wohnungslose anzugreifen oder sie zu quälen.
Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, weil sie nicht glauben etwas Unrechtes zu tun.
Manche Angreifer scheinen in Obdach- und Wohnungslosen auch die Verkörperung der Gefahr des eigenen sozialen Abstiegs zu sehen und attackieren sie auch deswegen.
Dieser Mordanschlag hat also mit den gesellschaftlichen Zuständen zu tun. Denn größere Teile der Gesellschaft schauen auf Obdachlose herab. Für sie sind es nur ‚Penner‘. In der kapitalistischen Leistungsethik, werden sie selbst für ihre Situation verantwortlich gemacht. Täglich wird Obdachlosen und Bettler*innen höhnisch der Satz „Geh doch arbeiten!“ entgegen geschleudert.
Sie werden als ‚Probleme‘ betrachtet und nicht etwa als Menschen mit Problemen.
Hinter der Fremdzuschreibung ‚Penner‘ geht das Individuum und seine individuelle Geschichte unter. Die häufig in den Medien wiedergekäuten Klischees über Obdach- und Wohnungslose sind auch nicht hilfreich.
Tatsächlich sind auch nicht alle Klischees immer vollkommen falsch. Es gibt neben vielen Anderen auch die Obdachlosen, die verfilzte Bärte haben und vielleicht auch riechen. Doch warum sind sie so? Die Frage wird nur selten gestellt oder gar richtig beantwortet.
Wenn wir morgens früh aufstehen, dann gehen wir in unser Bad und benutzen es.
Auf der Straße ist das aber um einiges schwieriger und anstrengender. Und warum sollte man sich zurecht machen, wenn eh alle auf einen herabschauen?

Was für uns meist Selbstverständlichkeiten sind, das fehlt vielen Obdach- und Wohnungslosen. Ein Bad, eine Postadresse, ein soziales Netzwerk oder eine abschließbare Wohnung. Das Fehlen eines sicheren Rückzugraums macht sie geradezu zu idealen Opfern.
Sie sind der Gewalt weitgehend schutzlos ausgeliefert. Sie sind zugängliche Opfer. Für die Gewalt von Menschen mit Hass auf Obdachlose. Obdachlose Frauen sind auch nochmal speziell von sexualisierter Gewalt bedroht.
Gewalt wird zu einer vertrauten Erfahrung für viele obdachlose Menschen. Der Obdachlose Richard Brox schrieb in seiner Biografie „Kein Dach über dem Leben“: „Die Gewalt blieb. Ob sie von Leidensgenossen ausging oder vom Aufsichtspersonal oder auch von irgendwelchen anonymen Passanten: Gewalt bricht ständig in den Alltag eines Obdachlosen ein.“ (Seite 32)

Was wir hier machen ist eine wichtige Sache. In der Straßenzeitung Hinz&Kunzt wurde zu recht appelliert, dass es nach jeder Tat einen öffentlichen Aufschrei geben müsste. So würde den Schlägern die „soziale Rückendeckung“ entzogen.
Dabei darf es aber nicht bleiben. Die Betroffenen sollten unterstützt werden. Ein möglicher Prozess muss kritisch begleitet werden. Alkohol oder Dummerjungenstreich darf von uns nicht als ‚Erklärung‘ akzeptiert werden.

Zum Schluss noch einen Hinweis. Obdach- und Wohnungslose sind nicht nur der Gewalt schutzlos ausgeliefert, sondern auch dem Wetter.
Es gibt jeden Winter die Berichte über erfrorene Obdachlose. Nun herrscht aber in Deutschland derzeit eine Hitzewelle vor. Es gibt meines Wissens zwar keine Untersuchungen über die Todesursache Hitze unter Obdach- und Wohnungslosen. Doch auch bei Hitze fehlt ihnen eine Wohnung als kühler Rückzugsraum und ein einfacher, kostenloser Zugang zu Trinkwasser ist auch nicht immer gewährleistet. Gerade älteren Obdach- und Wohnungslosen dürfte auch die Hitze zu schaffen machen. Vielleicht sollte man bei Obdach- und Wohnungslosen, denen die Hitze erkennbar zu schaffen macht, auch mal nachfragen, ob es ihnen gut geht oder ein Getränk anbieten.

Danke fürs Hiersein und Zuhören!


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