Wien: Verbrechen als Anlass zur Generalverdächtigung gegen Obdachlose

Die Wiener „Fraueninitiative Brunnenmarkt“ nahm den Mord an einer Frau durch einen obdachlosen Ausländer zum Anlass um gegen Obdachlose, Drogenabhängige und Migranten in ihrem Viertel Stellung zu nehmen. In ihrem offenen Brief heißt es:

„Wien gehört uns allen!
Die Ermordung der 54jährigen Maria E. am Brunnenmarkt auf ihrem Arbeitsweg durch einen illegal in Österreich lebenden, obdachlosen Kenianer hat uns aufgerüttelt.
Die Belästigungen von Frauen und Schulkindern zwischen Brunnenmarkt und Josefstädterstraße, aber auch entlang der U6 durch herumlungernde Dealer und ihre Kunden wollen wir nicht hinnehmen.
Es empört uns, dass der Spielplatz am Yppenplatz und der Platz vor dem Yppenheim zu Aufenthaltsorten für Corner Boys und Obdachlose verkommen, die diese teuer sanierten Plätze, die als Freiräume für Familien und Kinder dienen sollen, zumüllen.
Die Gehsteige am Gürtel, sowie zwischen Gürtel und Brunnenmarkt verkommen zu öffentlichen Latrinen und werden unbegehbar.
Auch wenn uns statistisch keine Bezirksauswertung von Übergriffen vorliegt, ist unser Lebensgefühl zunehmend beeinträchtigt.“

Es wird an keiner Stelle gefragt, warum Dealer mit Drogen handeln oder warum Obdachlose Müll hinterlassen. Es werden nur die (angeblichen) Verschlechterungen beklagt. Den „Corner Boys und Obdachlosen“ wird generell vorgeworfen alles zuzumüllen. Warum sozial Marginalisierte und Obdachlose den öffentlichen Raum als Latrine „mißbrauchen“ wird dagegen nicht gefragt. Die nahe liegende Antwort wäre: Aus Mangel an Alternativen. Obdachlose verfügen im Gegensatz zu den Unterzeichnenden über keine eigene Toilette. Eine klassische Umkehr-Logik wird so statt Armut den Armen die Schuld gegeben.
Weiter heißt es in dem Offenen Brief:

„Wir verwehren uns gegen diesen Missbrauch des öffentlichen Raums.
Wien gilt als eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Teil dieser Qualität ist, dass Frauen, Mädchen, Kinder sich sicher fühlen können und ihre Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt wird. Wir fordern Behörden, Politik und soziale Einrichtungen zu einer besseren übergreifenden Zusammenarbeit auf, damit sich Frauen und Kinder, Wienerinnen und Wiener, Besucher und Touristinnen auch weiterhin mit einem guten Gefühl, untertags, abends und auch in der Nacht frei in dieser Stadt bewegen können. Kreative Lösungen sind gefragt! Wir bekennen uns zum gedeihlichen Zusammenleben von Menschen verschiedenster Herkunft in unserem lebensfrohen Viertel, das als Erfolgsprojekt gilt in dieser Stadt. Doch zu Migration und Willkommenskultur gehören begleitende Maßnahmen, besonders auch für jene, die die Regeln in unserer Gesellschaft weder verstehen noch respektieren wollen. Frauen mit Minirock, Frauen mit Kopftuch. Frauen dieser Stadt: Stehen wir zusammen. Treten wir auf gegen Vandalismus und Gewalt. Schauen wir genau hin und nicht weg. Sagen wir es laut, besonders jenen, die sich die Freiräume unserer Stadt mit Ignoranz und Respektlosigkeit aneignen: Wien gehört uns allen!“

Es ist durchaus möglich das die sexuelle Belästigung durch Männergruppen im öffentlichen Raum zugenommen hat und sich Frauen dadurch aus der Öffentlichkeit verdrängt fühlen. Dafür aber per se und nur Obdachlose, Drogendealer, Drogenabhängige oder Migranten verantwortlich zu machen pauschalisiert.
Zudem werden die beiden Themen Verwahrlosung des öffentlichen Raumes und Sexismus miteinander vermischt, obwohl sie nicht zwingend miteinander zu tun haben müssen. Was ist beispielsweise mit obdachlosen Frauen*, die für eine Vermüllung des öffentlichen Raumes sorgen, aber selber potenziell Opfer von Sexismus sein können? Zumal sie im Gegensatz zu anderen Frauen* über keinerlei sicheren Rückzugsraum verfügen.
Es entsteht der Eindruck, als wenn die Unterzeichnenden durch die Verbindung von Vermüllung des öffentlichen Raumes, Sexismus und dem Thema Migration, aus allen drei Themen eines machen wollen.