Hamburg: Obdachloser als Opfer von Selbstjustiz?

Tatort Hamburg
Tatort

Am 21. April 2015 wurde im Bornmühlenbach am Bille-Wanderweg in Hamburg-Lohbrügge die Leiche des 51-jährigen Obdachlosen Jerzy P. gegen 7.30 Uhr von einem Radfahrer gefunden
Eine Untersuchung ergab, dass der 51-Jährige ertrunken war und zudem eine starke Kopfverletzung erlitten hatte, die vermutlich ebenfalls tödlich verlaufen wäre.
Der Todeszeitpunkt lag in der Nacht vom 20. auf den 21. April 2015. Aufgrund der Verletzungen des Mannes ging die Polizei von einem Tötungsdelikt aus.
Der mutmaßlich Ermordete wurde erst eine Woche vor seinem Tod in der Nähe des Tatorts festgenommen, weil er beschuldigt wurde, an einem Spielplatz ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Ein Haftbefehl war aber zunächst erlassen, aber nach vier Tagen Untersuchungshaft mangels dringendem Tatverdacht wieder aufgehoben worden, weil das Mädchen den Mann nicht als den Täter wiedererkannt hatte.
Kurz nach seiner Freilassung schlug ihm eine unbekannt Person offenbar den Schädel ein.

Nach dem sexualisierten Übergriff schrieb die Polizeipresse wie folgt über den Fall:

„In unmittelbarer Tatortnähe konnten Beamte des Polizeikommissariates 43 gegen 17.14 Uhr einen Mann in einem Gebüsch hockend antreffen, der der Täterbeschreibung entsprach. Es handelte sich um einen 51-jährigen polnischen Staatsbürger, der in Hamburg keinen festen Wohnsitz hat. Das Fahrrad konnte bisher nicht gefunden werden.“

Obwohl anonymisiert, dürfte für AnwohnerInnen der Obdachlose Jerzy P. leicht zu identifizieren gewesen sein. Der 51-Jährige lebte zeitweise in einer Hütte am Bille-Wanderweg. Er dürfte wie bei Obdachlosen typisch nicht über einen abschließbaren Rückzugsraum verfügt haben und war damit gegenüber möglichen TäterInnen verletzlicher.

Die Polizei sah keinen Zusammenhang zwischen den sexualisierten Übergriff und dem Mord: „Wir haben derzeit keinerlei Hinweise auf eine Verbindung zwischen den beiden Taten“.

Die „Bergedorfer Zeitung“ berichtet über das Opfer:

„Der vermeintlich einsame Pole war in der Obdachlosenszene als „guter Kumpel“ vielen bekannt. Der 28-jährige Sohn lebt mit seiner Frau (21) und einer 17 Monate alten Tochter in Lohbrügge-Nord. Er hatte seinen Vater aber zuletzt vor drei Wochen gesehen. „Ich habe ihn heute noch vergeblich auf dem Handy angerufen“, berichtet Tomek unter Tränen: „Ich wusste doch nicht, dass er da schon tot war.““