Archiv für Mai 2016

Rostock: Übergriff auf Obdachlosen?

Die Medien berichten das in Rostock in der Nacht zum 25. Mai 2016 in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt einen 36-Jährigen geschlagen und danach mit brennenden Kleidungsstücken bedeckt haben. Das Opfer wurde mit Kopfverletzungen sowie Verbrennungen zweiten und dritten Grades in ein Krankenhaus gebracht.
Bei den Tätern soll es sich um zwei 15-Jährige handeln. Die Beschuldigten sollen ihr verletztes Opfers auch fotografiert und die Bilder in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben.

Es wird zwar nirgendwo erwähnt, ob das Opfer obdachlos ist, jedoch ist die Tat geradezu prototypisch für Gewalt gegen Obdachlose. Jüngere Täter attackieren und quälen einen älteren Mann und zünden ihn an. Die Veröffentlichung der Fotos von der Tat weist auf ein vollkommenes Unrechtsbewusstsein hin, was wiederum auf eine Entmenschlichung des Opfers hinweist.

* Rostock: 36-Jähriger liegt mit Brandverletzungen in Gebüsch, 25. Mai 2016, http://www.svz.de/lokales/rostock/36-jaehriger-liegt-mit-brandverletzungen-in-gebuesch-id13795221.html,
* Verbrechen in Rostock : Mann angezündet und fotografiert, 27. Mai 2016, http://www.svz.de/lokales/rostock/mann-angezuendet-und-fotografiert-id13812881.html

Architektonische Verdrängung: gebogene Bank

Anti-Obdachlosen-Bank gebogen
Eine rund gebogene Bank wie diese in Heidelberg macht es unmöglich, sich auf ihr lang zu legen.

BILD hetzt gegen „Bettlermafia“

BILD hetzt gegen Bettelmafia
Die Stuttgarter Lokalausgabe der BILD hetzt gegen Personen aus Rumänien, die aus Not im Stadtpark übernachten und teilweise versuchen durch Betteln zu überleben.
Ohne Beweis werde sie als „Bettelmafia“ diffamiert.

Berlin: Überfall auf Obdachlose durch Bahn-Sicherheit bleibt ohne Folgen

Die Straßenzeitung „Hinz&Kunz“ berichtet:

Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen drei Mitarbeiter der Bahn-Sicherheit eingestellt. Ihnen war vorgeworfen worden, im vergangenen Sommer Hinz&Künztler Manole überfallen zu haben.
Die Schläger, die im vergangenen Sommer Hinz&Künztler Manole und seinen Cousin in ihrem Zelt überfallen und verprügelt sowie ihr Zelt zerstört haben, kommen ungestraft davon. Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung eingestellt. „Die Tat konnte den Beschuldigten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nana Frombach. Weitere Ermittlungen gibt es nicht.
Was war passiert? Manole und sein Cousin lebten im Juli 2015 in einem Zelt nahe einer Bahn-Anlage im Hamburger Westen. Dort sind sie, so erzählten sie es uns und der Polizei, nachts überfallen, mit Pfefferspray angegriffen und mit Stahlkappenschuhen gegen den Kopf getreten worden. Ihr Zelt wurde mit einem Messer zerstört. Die Täter, da waren die beiden sich sicher: zwei Männer und eine Frau in Uniformen der Deutschen Bahn. Zeugenaussagen stützten ihre Schilderung.
Monatelang hat erst die Bundespolizei und dann die Staatsanwaltschaft in dem Fall ermittelt. Welche Bahn-Mitarbeiter in dieser Nacht im fraglichen Bereich im Einsatz waren, war schnell klar. Die Ermittler der Polizei luden sie zur Befragung vor, später eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen sie. „Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich relativ viel Mühe gemacht“, sagt Staatsanwältin Frombach rückblickend. Es seien zahlreiche Zeugen vernommen und ihnen Lichtbilder von den Beschuldigten vorgelegt worden. Die Rede ist von einer „sehr gründlichen Beweiswürdigung“ seitens der Staatsanwaltschaft.
[…] Dabei hätten sich allerdings mehrere Unstimmigkeiten ergeben: Die Beschreibungen der Täter hätten teilweise nicht gepasst, sagt Frombach. Und bei der Lichtbildvorlage hätten nicht alle Beschuldigten identifiziert werden können. Außerdem streiten die drei Bahn-Sicherheitsleute die Tat nach wie vor ab. „Die Staatsanwältin ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht reicht“, sagt Frombach. Eine Gerichtsverhandlung wird es nicht geben, die Ermittlungsakte liegt bereits im Archiv.
Den Überfall hat es trotzdem gegeben – und es gibt sogar weitere Tatverdächtige. Zur Tatzeit hätten sich drei Unbekannte in der Nähe des Tatorts aufgehalten, die als Täter in Frage kommen, sagt Frombach. Auf sie passe Manoles Beschreibung. Allerdings seien ihre Namen nicht bekannt. „Deswegen können wir gegen sie nicht ermitteln.“

* Benjamin Laufer: Überfall auf Obdachlose bleibt ungesühnt, 19. Mai 2016, http://www.hinzundkunzt.de/manole-ermittlungen-eingestellt/

Hamburg: Obdachloser als Opfer von Selbstjustiz?

Tatort Hamburg
Tatort

Am 21. April 2015 wurde im Bornmühlenbach am Bille-Wanderweg in Hamburg-Lohbrügge die Leiche des 51-jährigen Obdachlosen Jerzy P. gegen 7.30 Uhr von einem Radfahrer gefunden
Eine Untersuchung ergab, dass der 51-Jährige ertrunken war und zudem eine starke Kopfverletzung erlitten hatte, die vermutlich ebenfalls tödlich verlaufen wäre.
Der Todeszeitpunkt lag in der Nacht vom 20. auf den 21. April 2015. Aufgrund der Verletzungen des Mannes ging die Polizei von einem Tötungsdelikt aus.
Der mutmaßlich Ermordete wurde erst eine Woche vor seinem Tod in der Nähe des Tatorts festgenommen, weil er beschuldigt wurde, an einem Spielplatz ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Ein Haftbefehl war aber zunächst erlassen, aber nach vier Tagen Untersuchungshaft mangels dringendem Tatverdacht wieder aufgehoben worden, weil das Mädchen den Mann nicht als den Täter wiedererkannt hatte.
Kurz nach seiner Freilassung schlug ihm eine unbekannt Person offenbar den Schädel ein.

Nach dem sexualisierten Übergriff schrieb die Polizeipresse wie folgt über den Fall:

„In unmittelbarer Tatortnähe konnten Beamte des Polizeikommissariates 43 gegen 17.14 Uhr einen Mann in einem Gebüsch hockend antreffen, der der Täterbeschreibung entsprach. Es handelte sich um einen 51-jährigen polnischen Staatsbürger, der in Hamburg keinen festen Wohnsitz hat. Das Fahrrad konnte bisher nicht gefunden werden.“

Obwohl anonymisiert, dürfte für AnwohnerInnen der Obdachlose Jerzy P. leicht zu identifizieren gewesen sein. Der 51-Jährige lebte zeitweise in einer Hütte am Bille-Wanderweg. Er dürfte wie bei Obdachlosen typisch nicht über einen abschließbaren Rückzugsraum verfügt haben und war damit gegenüber möglichen TäterInnen verletzlicher.

Die Polizei sah keinen Zusammenhang zwischen den sexualisierten Übergriff und dem Mord: „Wir haben derzeit keinerlei Hinweise auf eine Verbindung zwischen den beiden Taten“.

Die „Bergedorfer Zeitung“ berichtet über das Opfer:

„Der vermeintlich einsame Pole war in der Obdachlosenszene als „guter Kumpel“ vielen bekannt. Der 28-jährige Sohn lebt mit seiner Frau (21) und einer 17 Monate alten Tochter in Lohbrügge-Nord. Er hatte seinen Vater aber zuletzt vor drei Wochen gesehen. „Ich habe ihn heute noch vergeblich auf dem Handy angerufen“, berichtet Tomek unter Tränen: „Ich wusste doch nicht, dass er da schon tot war.““