Archiv für September 2015

Obdachloser widerspricht rechtspopulistischer Propaganda: „Flüchtlinge nehmen mir nichts weg“

In einem Interview mit der „Rheinischen Post“ widerspricht Torsten Schmidt, ein Obdachloser, rechtspopulistischer Propaganda:

„Nehmen Ihnen die Flüchtlinge etwas weg?

Torsten Schmidt: Gar nicht. Was sollen die mir wegnehmen? Ich finde es auch vermessen zu sagen, dass die den Deutschen die Jobs wegnehmen. Das stimmt überhaupt nicht. Die nehmen keinen einzigen Job weg. In den ersten drei Monaten dürfen sie sowieso keinen Job annehmen und danach wird geprüft, ob auch ein Deutscher für den Job qualifiziert ist.

Was halten Sie dann davon, wenn die so genannten Asylkritiker sagen, der Staat müsse sich erst mal um die Obdachlosen kümmern und dann um die Flüchtlinge?

Die Obdachlosen haben genug Anlaufstellen. Wenn sie gewillt sind, Hilfe anzunehmen. Wenn das Geld in Großprojekten wie dem Berliner Flughafen verschwendet wird, sagt niemand was – aber wenn es um die Flüchtlingshilfe geht, ist das Geschrei groß. Und wenn die Flüchtlinge integriert sind, sind sie ja auch ein wirtschaftlicher Faktor. Das Geld läuft irgendwann wieder zurück. Auch das Taschengeld geht zurück in die Wirtschaft. In den Einzelhandel.

Sie haben also nicht das Gefühl, plötzlich weniger zu essen zu haben?

Gar nicht. Ich esse häufig in Tagesstätten, in denen es günstiges Mittagessen gibt, ansonsten finanziere ich mir mein Essen durch meinen Job als „Fifty-Fifty“-Verkäufer. Außerdem erledige ich Gartenarbeiten und gehe für ältere Herrschaften einkaufen.

Wie denken andere Obdachlose über Flüchtlinge?

Viele sind leider nicht meiner Meinung. Die lassen sich schon von dieser Nazi-Polemik anstecken. Das hat auch damit zu tun, dass viele von ihnen ein Suchtproblem haben und deshalb gar nicht in der Lage sind, darüber nachzudenken.
[…]
Wie verfolgen Sie die Nachrichten zum Thema Flüchtlinge?

Durch Nachrichtenseiten im Internet. Das Schicksal der Menschen berührt mich sehr. Wenn ich ein totes Kind am Strand liegen sehe, ist das schon sehr hart.

Hat Sie die Hilfsbereitschaft der Menschen an den Bahnhöfen in München und Dortmund beeindruckt?

Das war schon sehr toll. Die meisten Menschen sind in der Lage zu unterscheiden zwischen der Polemik der Rechten und dem, was die Menschen wirklich hierher treibt.

Und da waren Sie keinen Moment neidisch?

Nee. Es gibt auch gar nicht die Notwendigkeit, dass sich jemand so sehr um mich kümmert. Ich bin ja in der Lage, mich hier selbst zurechtzufinden. Die Flüchtlinge können die deutsche Sprache nicht, sie haben keine Anlaufstelle.

Könnten Sie sich selbst vorstellen, Flüchtlingen zu helfen?

Durchaus. Ich bitte die Leute, für die ich arbeite, Kleidung, die sie nicht mehr brauchen, an Flüchtlinge zu spenden.

Haben Sie auch Verständnis für die Leute aus dem Balkan, die nach Deutschland kommen?

Viele nennen die Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, sie kommen aus wirtschaftlichen Gründen. Aber das war bei den Bewohnern der ehemaligen DDR auch der Fall. Die wollten auch besser dastehen. Deshalb kann ich niemanden verurteilen, der zu uns kommt.
[…]
Sie kennen sich damit aus, wenn man im Winter kein festes Dach über dem Kopf hat. Ab wann wird es für die Flüchtlinge in den Zelten bedenklich?

Das kann schon im Oktober losgehen, aber spätestens im November wird es kritisch. Es sind ja auch viele Kinder dabei. Das darf man auch nicht vergessen: Den Deutschen fehlt der Nachwuchs, aber den bringen die Flüchtlinge mit. Das kommt dem deutschen Staat irgendwann zu gute. […]

Es gibt ja Fälle, in denen sich Flüchtlinge in den Unterkünften geprügelt haben.

Das passiert, wenn man auf engem Raum ist und die Anspannung groß.

Haben Sie auch schon mal in einer Massenunterkunft geschlafen?

Für vier Wochen. Mit acht Leuten in einem Zimmer. Das war nicht meine Welt. Auch da gab es Spannungen. Auch da habe ich Schlägereien miterlebt.“

* Interview mit einem Obdachlosen: „Flüchtlinge nehmen mir nichts weg“, Sebastian Dalkowski, http://www.rp-online.de/app/1.5379505