Archiv für September 2014

USA: tiefreligiöse Eltern setzen ihre LSBTTIQ-Kinder auf die Straße

Blankets christl. Homophobie
BILD: Ausschnitt aus dem Comic „Blankets“

In einem überaus lesenswerten Artikel im Magazin „Rolling Stone“ schreibt der Autor Alex Morris, dass in den Vereinigten Staaten christlich-fundamentalistische Eltern ihre Kinder, die sich als nicht-heterosexuell geoutet haben, häufig verstoßen. Dadurch rutschen die, meist von ihren Eltern finanziell noch abhängigen Kinder, oft in die Obdachlosigkeit ab.
Laut Untersuchungen machen LSBTTIQ (Lesbisch-Schwul-Bisexuell-Transsexuell-Transgender-Intersexuell-Queer) unter obdachlosen Jugendlichen in den USA 40% aus, während ihr Anteil an der Bevölkerung lediglich 5% beträgt. Das „Center for American Progress“ geht von 320-400.000 obdachlosen LSBTTIQ-Jugendlichen aus.
Etwa einem von fünf LSBTTIQ-Jugendlichen ist es nicht möglich eine kurzzeitige Unterkunft zu haben und 16% erhalten keine Unterstützung beim Versuch sich eine eigene Bleibe zu sichern.
Da das Alter für ein „Coming out“ auf 16 gesunken ist, outen sich viele Jugendliche in einer Zeit, in der ohne Ausbildung und Job sind. Im Resultat werden seit den 1990ern immer mehr Jugendliche aus religiös-homophoben Motiven von ihren Familien verstoßen und landen auf der Straße. Etwa 40% der obdachlosen LSBTTIQ-Jugendlichen soll aus diesen Gründen obdachlos geworden sein.
Für sie gibt es mit NGOs wie dem „Ali Forney Center“ sogar eigene USA-weit arbeitende Unterstützungsorganisationen. Der Artikel berichtet auch dass obdachlose LSBTTIQ-Jugendliche „alle paar Monate“ ermordet wurden und werden. Ali Forney, der Namensgeber der NGO, wurde als 22-Jähriger Obdachloser in Harlem aus homophoben Motiven erschossen. Nach Carl Siciliano, dem Gründer dieser NGO, könnte Forney noch leben, wenn er einen sicheren Rückzugsraum gehabt hätte.
Problematisch ist die Unterbringung von obdachlosen LSBTTIQ-Jugendlichen in Unterkünften mit heterosexuellen obdachlosen Jugendlichen, da sie dort häufig aus homophoben Motiven angegriffen und misshandelt werden. So heißt es im Artikel: „The gay kids would routinely get bashed there“ (Übersetzung: „Die homosexuellen Kinder werden dort immer verprügelt“). Zudem werden viele dieser Obdachlosen-Unterkünfte von christlich-fundamentalistischen Organisationen betrieben, die Nicht-Heterosexualität kaum aufgeschlossen gegenüber stehen.
Es gibt sowieso nur 4.000 Betten speziell für jugendliche Obdachlose im ganzen Land, während die Zahl der obdachlosen Jugendlichen auf bis zu 1.700.000 geschätzt wird.
Die ganz wenigen Unterkünfte für obdachlose LSBTTIQ-Jugendliche sind übrigens nicht geschlechtergetrennt, was es Trans-Kids erleichtert sich zu integrieren.
Im Ergebnis leiden obdachlose LSBTTIQ-Jugendliche unter einer Mehrfachbelastung. Sie werden einer Studie zufolge siebenmal häufiger Opfer eines Verbrechens als heterosexuelle. Sie lassen sich dreimal häufiger auf „survival sex“ („Überlebens-Sex“) ein, d.h. sie haben gegen ihr Verlangen Sex, für Unterkunft oder Geld. Außerdem nehmen sie häufiger harte Drogen oder begehen häufiger „survival crimes“ („Überlebens-Verbrechen“, z.B. Stehlen von Essen).
Laut dem „Equity Project“ ist der Rauswurf aus der Familie für LSBTTIQ-Jugendliche die größte Gefahr in eine missliche Lage zu geraten.
In den Vereinigten Staaten sterben täglich sechs LSBTTIQ-Jugendliche auf der Straße an Kälte, Drogen oder Gewalt!

* Alex Morris: The Forsaken: A Rising Number of Homeless Gay Teens Are Being Cast Out by Religious Families, 03.09.2014, http://www.rollingstone.com/culture/features/the-forsaken-a-rising-number-of-homeless-gay-teens-are-being-cast-out-by-religious-families-20140903?page=4