Archiv für März 2014

Fundstück: Textzeile bei ‚Egotronic‘

Ich wache auf und schau ins Netz. Cops haben ein Mann gehetzt, festgenommen und verprügelt und dann einfach ausgesetzt.

Egotronic: Aufstehn

Fundstück: Zitate aus „Erledigt in Paris und London“ von George Orwell

Ich werde niemals wieder denken, alle Landstreicher wären betrunkene Schurken, noch werde ich glauben, dass ein Bettler dankbar ist, wenn man ihm einen Penny gibt, noch überrascht sein, wenn Arbeitslosen Energie fehlt, noch die Heilsarmee mit Beiträgen unterstützen, noch meine Kleidung verpfänden, noch Flugblätter verweigern, noch Vergnügen haben an einem Essen in einem piekfeinen Restaurant. Das ist ein Anfang.

George Orwell

Und doch besteht bei genauerer Betrachtung keineswegs ein so wesentlicher Unterschied zwischen der Lebensweise eines Bettlers und zahlloser respektierter Leute. Es heißt, Bettler arbeiten nicht; aber was ist dann überhaupt Arbeit? Ein Kanalarbeiter arbeitet, indem er eine Hacke schwingt. Ein Bücherrevisor arbeitet, indem er Zahlen addiert. Ein Bettler steht bei Wind und Wetter im Freien und bekommt Krampfadern, chronische Bronchitis usw. Sein Beruf ist ein Beruf wie jeder andere auch; nutzlos zwar, natürlich – aber dann sind auch viele geachteten Berufe nutzlos. Und als sozialer Typus läßt sich ein Bettler sehr wohl mit sehr vielen anderen vergleichen. Er ist verglichen mit den Verkäufern geschützter Medikamente ehrlich, verglichen mit dem Besitzer einer Sonntagszeitung großherzig, verglichen mit einem Ratenvertrags-Kundensucher regelrecht liebenswert – kurzum, ein Parasit, aber ein durchaus harmloser Parasit. Es kommt selten vor, daß er der Gesellschaft mehr abluchst, als er für das nackte Leben braucht, und – was ihn in Übereinstimmung mit unseren ethischen Idealen eigentlich rehabilitieren sollte – er muß immer und immer wieder durch sein Leid draufzahlen. Ich sehe nicht, was ein Bettler an sich haben sollte, das ihn gegenüber den anderen Leuten einer anderen Klasse zugehörig macht oder den meisten modernen Menschen das Recht geben könnte, ihn zu verabscheuen.
Da taucht dann die Frage nach dem Grund für die Verabscheuung der Bettler auf: Sie werden nun einmal a priori verabscheut, von allen und jedem. Ich denke, es liegt daran, daß sie es nicht schaffen, sich ein »ordentliches« Leben zusammenzuverdienen. Praktisch gesehen ist es doch allen egal, ob eine Arbeit sinnvoll oder sinnlos ist, produktiv oder parasitär ist; das, was von ihr erwartet wird, ist – sie muß halt Profit bringen. Das ganze moderne Gerede von Energie, Effektivität, sozialer Leistungen und all den anderen Dingen meint doch einzig und allein: »Mach Geld, mach es legal, und mach eine Menge davon.« Das Geld ist der große Maßstab aller Tugendhaftigkeit. Und an diesem Maßstab scheitern die Bettler, und darum werden sie verabscheut. Wenn einer nur zehn Pfund pro Woche durch Betteln verdienen würde, hätte er plötzlich eine respektable Tätigkeit. Ein Bettler ist, wenn man die Sache realistisch betrachtet, ganz einfach ein Geschäftsmann, der sich genau wie andere Geschäftsleute seinen Lebensunterhalt mit dem verdient, was sich ihm gerade anbietet. Weniger als die meisten anderen Menschen hat er seine Ehre verkauft; sein einziger Fehler besteht darin, einen Beruf ergriffen zu haben, in dem man unmöglich reich werden kann.

George Orwell: Erledigt in Paris und London, Zürich 1978, Seite 232-33

Es ist doch seltsam, wie einige Leute einfach annehmen, sie hätte ein Recht darauf, dir zu predigen und vorzubeten, nur weil dein Lohn unter einen bestimmten Schnitt gefallen ist.

George Orwell: Erledigt in Paris und London, Zürich 1978, Seite 244