Zivilcourage gegen Gewalt gegen Obdachlose

Aus einem Spiegel-Artikel aus diesem Jahr:

Dennis Harter kennt das auch: dass Zufallszeugen so einfrieren, dass sie nicht mal dem Guten gegen die Bösen helfen. Es ist gerade erst hell geworden am 4. Mai 2012, als Harter, 24, mit der Regionalbahn Lübeck-Travemünde im Bahnhof Kücknitz einfährt. Harter macht eine Lehre, Orthopädieschuhtechnik, er ist auf dem Weg zur Berufsschule, er lehnt seinen Kopf gegen die Scheibe, hört Musik, um ihn herum Pendler wie er, ein ganzer Waggon voll.
Sein Blick schweift über den Bahnsteig und bleibt an einem Mann hängen, der an einem Geländer lehnt. Sieht aus wie ein Obdachloser. Drei junge Kerle haben ihn umzingelt. „Und plötzlich“, erinnert sich Harter, „tritt einer dem Mann voll ins Gesicht.“ Harter springt auf, ruft in den Wagen: „Hey, da draußen wird einer zusammengeschlagen!“ Keine Reaktion. Er ruft: „Ich gehe da jetzt raus!“ Keine Reaktion. Da stürmt er allein aus dem Zug auf das Trio zu. „Lasst den Mann in Ruhe! Ich hab die Polizei gerufen!“
In dem Moment hört er ein Pfeifen, die Zugtüren hinter ihm schließen sich. Harter drückt auf den Knopf, klatscht mit den Händen an die Scheiben. Doch niemand zieht die Notbremse. Der Zug fährt ab, mit seinem Rucksack, seinem Handy.
Als Harter sich umdreht, stehen die Schläger vor ihm. Drei gegen einen. Harter bekommt einen Faustschlag aufs Jochbein, er fällt. Immer wieder treten ihm die Angreifer gegen den Kopf. Er versucht, die Arme dazwischenzubekommen. Und hofft, dass die Leute im Zug wenigstens die Polizei gerufen haben.
Es geht minutenlang, dann haben die Jugendlichen genug. Harter auch. Der Obdachlose ist verschwunden, Harter wird ihn nie mehr wiedersehen. Er schleppt sich blutend zu einer Bushaltestelle. Als er in den nächsten Bus steigt, fragt niemand, was passiert ist, ob er Hilfe braucht.
Der Bus hält in Travemünde am Hafen. Harter trifft seine Lehrerin. Sie ruft die Polizei und einen Rettungswagen. Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte zwei angebrochene Rippen, eine angebrochene Nase, ein gebrochenes Jochbein, überall Prellungen.
Keiner aus dem Zug hatte die Polizei angerufen. „Vielleicht waren die einfach zu geschockt“, sagt er achselzuckend. Er kommt aus einer Familie, in der ihm die Eltern vorgelebt haben, dass man aufeinander achten soll. Auf die Frage, wie sie es fand, dass ihr Sohn dazwischengegangen ist, als Einziger, sagt seine Mutter nur: „Ich habe nichts anderes von ihm erwartet.“
Dennis Harter macht den anderen im Zug auch gar keinen Vorwurf – höchstens einem: dem nämlich, der seinen Rucksack hat mitgehen lassen, der im Waggon liegen geblieben war. Aber denen mit der plötzlichen Querschnittslähmung aus Angst, Routine, Müdigkeit? „Es ging alles so schnell.“
Zum Lebensretter zu werden, wenn es dabei gegen andere geht, dafür liegt die Hemmschwelle ohnehin höher als nach einem Unglück. „Viele Menschen wollen sich nur deshalb nicht einmischen, weil sie Ärger befürchten“, sagt etwa der emeritierte Osnabrücker Kriminologe Hans-Dieter Schwind. Prügler und Pöbler sind unberechenbar. Um in einem U-Bahn-Wagen den Rechtsstaat abzuschaffen und eine Terrordiktatur zu gründen, reicht ihnen ein Schlag. Danach trauen sich nur noch ganz wenige, dem Opfer zu helfen. Die meisten haben genug damit zu tun, woandershin zu gucken, nur nicht dem selbsternannten Gewaltherrscher des Waggons in die Augen.
Und trotzdem überwinden sich immer wieder Menschen. Selbst dann. Überwinden die Angst, auch zum Opfer zu werden, überwinden die Ausreden, hinter denen sich die Angst verstecken lässt. Etwa die, dass bestimmt alles viel harmloser ist, als es aussieht.

* Dahlkamp, Jürgen; Friedmann, Jan; Ulrich, Andreas; Windmann, Antje: Ich oder keiner, Spiegel vom 11.03.2013, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91488757.html