Straßenzeitung „trott|war“ veröffentlicht einseitigen Artikel über „Bettel-Banden“

trottwar
In der Ausgabe 6/2013 der Stuttgarter Straßenzeitung „trott|war“ findet sich auf Seite 15 ein Artikel über „Bettlerbanden“, der weder journalistischen Ansprüchen gerecht wird, noch differenziert über das Thema ausländische BettlerInnen berichtet.

Der Artikel stammt aus der Feder von Alexander Kappen und trägt die Überschrift „Bettel-Banden: Kampf um Wohlstands-Krümel“. Inhaltlich geht es um angeblich gewerbsmäßig bis mafiös agierende „Bettler-Banden“ aus Osteuropa:

Seit mehreren Jahren bringen Banden aus Rumänien und Bulgarien die einheimischen Obdachlosen um ihr Bettelgeld.

Die Unterteilung in „einheimische“ und gute BettlerInnen und in „fremde“ bzw. „osteuropäische“ und schlechte BettlerInnen ist eine nationalistische. Das mag der Autor vermutlich nicht gern hören, aber seine Gegenüberstellung von einheimischen und osteuropäischen BettlerInnen und die positiven bzw. negativen Zuschreibungen zu der einen bzw. anderen Gruppe verläuft entlang der Herkunfts-Unterscheidung.
Dass Menschen, die ganz weit unten in der sozialen Hierarchie stehen, noch einmal unterteilt und in Konkurrenz zueinander gesetzt werden, ignoriert, dass sie viel mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Wie der Titel richtig erwähnt kämpfen nämlich alle BettlerInnen nur um „Wohlstands-Krümmel“.

Gerüchte als Gewissheiten
Auch nach journalistischen Standarts ist der Artikel mehr als fragwürdig. Woher weiß der Autor denn bitteschön, dass die osteuropäischen BettlerInnen im Auftrag von ominösen Hintermännern handeln? Auch das osteuropäische BettlerInnen angeblich generell „aggressiv betteln“ und einheimische nicht, bleibt ohne jeden Beleg.

Mit aggressivem Betteln bedrängen die Bandenmitglieder die gutgläubigen Passanten und verhelfen so auf illegalem Wege ihren Bossen im Ausland zu einem Leben in Luxus.

Untersuchungen aus Österreich im Zusammenhang mit den Diskussionen um Bettel-Verbote legen nahe, dass es sich bei den Erzählungen von einer „Bettlermafia“ um Mythen handelt. Manche der osteuropäischen BettlerInnen kommen aus dem selben Ort und haben sich zu Zweckgemeinschaften (u.a. Fahrgemeinschaften) zusammengetan. Aber mafiös organisierte „Bettel-Banden“ sind das deswegen noch lange nicht. Belegbar ist der „Bettlermafia“-Mythos jedenfalls bisher nicht, womit er allerhöchstens als klapprige Mutmaßung erwähnt werden darf, aber nicht als feste Gewissheit. Einzelne Statements von BeamtInnen oder PolitikerInnen in diese Richtung haben auch keine feste Beweisbasis. Sie schöpfen auch nur aus dem üblichen „Das weiß ja wohl jeder“-Wissen.
So heißt es auch im Artikel:

„Und wenn man sie nach ihren Hintermännern befragt, dann stellen sich viele dumm und sagen gar nichts mehr“, so das Ordnungsamt.

Möglicherweise, wollen die Befragten ja nichts sagen, weil sie nichts dazu sagen können?
Eine ordentliche Recherche hätte versucht, sich einmal mit dem derart verzerrt Beschriebenen selbst zu unterhalten. Dass hätte dann eventuell auch zu mehr Einfühlungsvermögen geführt. Wenn man sich nämlich mal mit BettlerInnen aus Osteuropa unterhält – was auf Grund der Sprachbarriere schwierig sein kann – dann stellt man schnell fest, dass es nicht „den“ oder „die“ osteuropäischeN BettlerIn gibt, sondern Individuen mit individuellen Lebensgeschichten. Diese führt dann die Armut in die reichen, westdeutschen Innenstädte. Dass den osteuropäischen BettlerInnen vom Autor „Geldgier“ unterstellt wird, ignoriert dass niemand aus Spaß bettelt, sondern natürlich um so an Geld zu kommen.

Der Artikel beinhaltet mit dem Gerücht von den „Bossen im Ausland“, die durch Erbetteltes ein „Leben in Luxus“ führen würden, auch die spießbürgerliche Angst jemand könne ‚unrechtmäßig‘ – d.h. ohne harte Arbeit – zu Reichtum gelangen. Dieses Gerücht gibt es bezogen auf Bettelei schon sehr lange. Doch weder ist das Betteln besonders ertragreich, noch leicht. Wer selbst mal eine Stunde auf den Knien verbracht hat, wird feststellen dass das gar kein so einfacher Job ist.

Mit dem Artikel wird insgesamt der Ausgrenzung von echten oder vermeintlichen BettlerInnen aus Osteuropa Vorschub geleistet. In Österreich wurde bereits mit dem Verweis auf „ausländische Bettlerbanden“ ein generelles Bettel-Verbot in mehreren Städten durchgesetzt. Ohne eine Spur von Kritik wird dann auch von Kappen die Forderung der FDP nach einem „Stuttgarter Bettlerpass“ vorgestellt, ein Instrumentarium, was in ähnlicher Weise schon im Mittelalter existierte und „fremde“ Bettlerinnen verdrängen sollte.
Der „trott|war“-Artikel wird im Effekt in der LeserInnenschaft dazu führen, dass diejenigen BettlerInnen, die von PassantInnen als „osteuropäisch“ wahrgenommen werden kein Geld mehr erhalten, weil sie nach der Lektüre des Artikels „organisierten Bettel-Banden“ zugeordnet werden. Dazu hält auch der letzte Teil des Artikels an, in dem vollkommen unkritisch ein Polizei-Pressesprecher wiedergegeben wird:

Ein Pressesprecher der Stuttgarter Polizei empfiehlt: „Ich kann nur raten, Bettlern die den Anschein von ost- oder südeuropäischen Bettelbanden haben , keine Almosen zu geben. Dann wird der Stuttgarter Raum für die Hintermänner uninteressant und sie ziehen weiter.“

Schade, eigentlich darf man sich gerade in einer Straßenzeitung bei diesem Thema mehr Differenzierung und eine bessere Recherche erwarten.
Die „trott|war“ enthält ansonsten viele lesenswerte Artikel, deswegen sei von einem Kauf nicht generell abgeraten, zumal die VerkäuferInnen natürlich für einzelne Artikel nichts können.