Archiv für März 2013

Ein Ex-Polizist 2008 in der „taz“ über die Misshandlung eines Obdachlosen

Was ins Beuteschema passt, wird ausgenutzt. Ich war dabei, wie ein Obdachloser, der Kinder
[angeblich] angebaggert hat, auf der Wache getreten worden ist. Immer in den Arsch. Selbst da hatte ich das Gefühl, dass hat er verdient. Wieso packt der Kinder an? Wir haben Obdachlose – Penner, wie wir sagten – mit dem Streifenwagen 30 Kilometer außerhalb der Stadt bei Wind und Wetter ausgesetzt.
Warum ich das alles nach 25 Jahren offenbare? Ich bin selbst Opfer eines Lügenkomplotts
geworden. Es ist eine extrem demütigende Erfahrung. Ich schäme mich, dass ich mich an so etwas
beteiligt habe. Ist doch klar, wem der Richter glaubt, wenn Aussage gegen Aussage steht. Die
Polizei hat die Macht.

(taz, 21.11.2008)

Mord von Oschatz: Verurteilte Täter gehen in Revision

Die „Sächsische Zeitung“ vermeldet:

Drei junge Männer, die den Tod eines Obdachlosen in Oschatz zu verantworten haben, wehren sich gegen ihre Urteile. Sowohl der Hauptbeschuldigte Ronny S. als auch zwei weitere Verurteilte haben Revision eingelegt. S. war wegen Totschlags zu 13 Jahren verurteilt worden, hatte seine Beteiligung aber bestritten. Drei weitere Männer akzeptierten ihre Strafen. Sie hatten einen 50-Jährigen am Oschatzer Bahnhof massiv verprügelt und schwer verletzt liegen gelassen. Er starb wenige Tage später. Wie stark rechtsextremes Gedankengut bei der Tat eine Rolle spielt, wurde nicht voll aufgeklärt.

* sh: Nach Tod eines Obdachlosen. Revision gegen drei Urteile, http://www.sz-online.de/sachsen/nachrichten-2501525.html

“Zertreten, Erschlagen, Erstochen” – Broschüre in Sachsen-Anhalt erinnert auch an zwei obdachlose Opfer rechter Gewalt

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Eine neue neue Broschüre soll an die Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt erinnern. Unter dem Titel “Zertreten, Erschlagen, Erstochen” werden die Schicksale von 13 Menschen beschrieben, die bei Gewalttaten ums Leben gekommen sind. “Ohne Gewalt ist ein neonazistisches Weltbild nicht zu denken” mit diesen Worten beginnt eine neue Broschüre von Bündnis 90/Die Grünen, die an die Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt erinnern soll. Seit 1990 seien mindestens 180 Menschen durch rechte Gewalt ums Leben gekommen, in Sachsen-Anhalt seien es mindestens 13. Dabei treffe die Gewalt alle, die nicht in das Weltbild von Neonazis passten: Punks, MigrantInnen, Menschen mit Behinderungen, Obdachlose und politische GegnerInnen. “Häufig solche, die auch von der Mehrheitsgesellschaft an den Rand gedrängt und deshalb leicht zu Opfern werden”, heißt es in der Broschüre. Die Erinnerung an sie wachzuhalten ist das Ziel der Publikation. “Unsere Broschüre ‘Zertreten Erschlagen Erstochen’ beschreibt das Schicksal der Toten und gibt ihnen damit ein Stück ihrer Individualität zurück.

Über die zwei obdachlosen Opfer rechter Gewalt heißt es in der Broschüre:

Wer einen Obdachlosen als Menschen zweiter Klasse betrachtet, ihn deswegen misshandelt
und dabei seinen Tod billigend in Kauf nimmt, begeht eine rechte Gewalttat. Nicht so laut Landesregierung im Fall des 43-jährigen wohnungslosen Eberhart Tennstedt.

Eberhart Tennstedt
Am 5. Mai 1994 werden Eberhart Tennstedt und ein weiterer Obdachloser in Quedlinburg zu Opfern rechter Gewalt. Drei Mitglieder einer rechten Clique schlagen die Wohnungslosen, treiben sie mit einer Gaspistole in einen Fluss und hindern sie daran, ihn wieder zu verlassen. Eberhart Tennstedt ertrinkt. Ein Kioskbesitzer hatte den Auftrag erteilt, die Obdachlosen von einer Parkbank vor seinem Kiosk zu verjagen. »Penner« würden nicht ins Stadtbild passen, geben die Täter später als Tatmotiv an. Ein klassisches Beispiel für das Weltbild von Neonazis: Die Einteilung von Menschen in wertvoll und wertlos, das Recht des Stärkeren, andere, in seinen Augen »minderwertige« Menschen, zu unterdrücken und zu misshandeln. Das Landgericht Magdeburg sah den Fall als »Machtdemonstration gegenüber Schwächeren« und als Ausdruck einer menschenverachtenden Gesinnung der Täter.
Bei der Neueinstufung des Falls 18 Jahre später räumt die Landesregierung zwar ein eventuell rechtes Motiv für die Tat ein. Für eine eindeutige Zuordnung reichten die Anhaltspunkte ihrer Ansicht nach jedoch nicht. So bleibt dieser Fall weiterhin außerhalb der Statistik.

In der Nacht zum 1. August 2008 töten zwei betrunkene und mehrfach vorbestrafte Neonazis den obdachlosen und geistig behinderten Hans-Joachim Sbrzesny, der auf einer Parkbank in Dessau-Roßlau eingeschlafen war.

* zum Download: http://gruene-fraktion-sachsen-anhalt.de/userspace/SA/ltf_sachsen-anhalt/Dokumente/Publikationen/Zertreten_…_kleine_Version_fuers_Netz.pdf