Koblenz: Gedenktafel für obdachloses Opfer rechter Gewalt

In der Tageszeitung „Die Welt“ erschien ein ausführlicher Artikel über einen fast schon wieder vergessenen Mordfall an einem Obdachlosen:

„Hier ermordete am 24.8.1992 ein rechtsradikaler Täter den Obdachlosen Frank Bönisch und verletzte mehrere Menschen. Zur Erinnerung und Mahnung“ lautet der Text der schlichten Tafel, die derzeit in den Werkstätten der Stadtverwaltung Koblenz hergestellt wird. Damit wird in Koblenz erstmals der Opfer eines neonazistischen Amoklaufs mitten im Stadtzentrum gedacht. […] Andy H. klaut die Smith&Wesson aus dem Waffenschrank seines Vaters und geht auf den Zentralplatz unweit des weltberühmten „Deutschen Ecks“. Hier sitzen wie an den meisten Sommerabenden Punks, Junkies, Wohnungslose und sozial Randständige, einige trinken Bier oder billigen Wein, ein paar spielen Gitarre. Andy H. – Hakenkreuz-Tätowierung auf dem Oberarm – stellt sich in Kampfschützenhaltung auf den Platz, brüllt „jetzt seid ihr dran“ und feuert mit zehn Schüssen das gesamte Magazin der Smith&Wesson auf die völlig überraschten und wehrlosen Menschen ab. Acht Menschen verletzt der Naziskin – einige von ihnen schwer. Der 35-jährige Obdachlose Frank Bönisch erliegt noch am selben Tag seinen Schussverletzungen. […] Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz im Juni 1993 gibt sich der Deckergehilfe, der davon träumte Soldat oder Stuntman zu werden, reuig und unpolitisch. Als Auslöser für die Tat gibt er an, die Bank habe ihm am Vorabend einen Überziehungskredit von 100 Euro verweigert.  Da habe er mit allem Schluss machen wollen. Er habe sich als Auserwählter gefühlt, der dazu bestimmt sei, Menschen zu töten. Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigt Andy H. eine „schwere Persönlichkeitsstörung, Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Hass“ und hielt ihn für vermindert schuldfähig. Das Landgericht Koblenz verurteilt Andy H. wegen Mordes und siebenfachen Mordversuchs zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und ordnet seine Einweisung in eine psychiatrische Landesanstalt an. Ein politisches Motiv für die Schüsse auf Frank Bönisch und dessen Freunde erkennen die Richter genauso wenig wie die Staatsanwaltschaft. Aus der Haft schreibt Andy H. an „Kameraden“, er sitze im Knast, weil er „dem Vaterland gedient habe.

* Heike Kleffner: Gedenktafel in Koblenz Erinnerung an eine rechtsradikale Tat, 20.03.2013, http://www.tagesspiegel.de/politik/rechtsextremismus/gedenktafel-in-koblenz-erinnerung-an-eine-rechtsradikale-tat/7957082.html