Suhl: Zum Foltermord an einem „Asozialen“

Im Juni diesen Jahres folterten und töteten drei junge Männer einen 59-jährigen Mann in einem Suhler Plattenbau, um, wie die Presse schrieb, „Geld von ihm zu erpressen“. Dass Habgier der ausschlaggebende Grund gewesen sein soll, ist nur Zeichen fehlender Analyse gesellschaftlicher Ausschlussmechanismen. Der Mann wurde letztendlich nicht gefoltert, weil er zu wenig Geld rausrückte, sondern weil die Täter sich in ihren gescheiterten Existenzen an ihm aufrichten wollten.
Gründe der Gewalt

In der rassistischen Verfolgung, die sich gegen Flüchtlinge, Migranten oder schlicht „Ausländer“ richtet, kompensiert das verfolgende bürgerliche Subjekt seine Angst vor dem Untergang in der allgemeinen kapitalistischen Konkurrenz. Es verfolgt seine Opfer, um sie als potentielle oder wirkliche Konkurrenten, um die in dieser Gesellschaft verknappten Ressourcen, zu beseitigen und sich als Teil eines Kollektivs fühlen zu dürfen, in dem man vor Verfolgung vermeintlich qua Geburt geschützt ist. […] Die Verfolgung von Obdachlosen oder sogenannten „Asozialen“ folgt im Grunde derselben psychosozialen gesellschaftlichen Dynamik, in der meist fast ebenso gesellschaftlich Geächtete noch die verfolgen, die sie als Rangniedere wahrnehmen, um sich an deren Verfolgung aufzurichten. Der Ermordete von Suhl war ein solcher Mensch, den die Gesellschaft als „Asozialen“ abstempelt. Nichtmal seinen Namen verwendet die Presse, sie nennt nur seinen Spitznamen: „Fisch“ bzw. im Viertel auch bekannt als der „Kippensammler“, was wohl daher rührt, dass der Mann in Papierkörben nach Pfandflaschen und Tabakresten suchte, um seine eigene Armut etwas erträglicher zu gestalten. Der Mann wohnte in einer Ein-Raum-Wohnung in der Ringbergstraße in Suhl-Nord, in der ihn seine drei Peiniger auch überfielen. Die drei jungen Männer waren in einer ganz ähnlichen Situation wie ihr Opfer, alle drei waren arbeitslos und hatten ihre Ausbildungen abgebrochen. Sie befanden sich selber am Rand der Gesellschaft, perspektivlos und verarmt. Um der Einsicht in ihre eigene Nichtigkeit und Überflüssigkeit, zu der die Menschen in dieser Gesellschaftsordnung verdonnert sind, zu entgehen, bedienten sie sich – freilich unbewusst – eines gesellschaftlichen Mechanismus, wie er auch im Rassismus zur Geltung kommt. In der Unterwerfung des rangniederen „Asozialen“ durch äußerste Gewalt, gewannen sie für kurze Zeit die Handlungsfähigkeit zurück, die ihnen die Gesellschaft vorenthält. Sie fanden in ihrer eigenen Aufwertung gegenüber ihrem Opfer Kompensation für jene verlustig gegangene Verfügung über sich selbst, die in dieser Gesellschaft verliert, wer sein Auskommen nicht durch Lohnarbeit bestreitet und deswegen vom Subjekt seiner Arbeitskraft zum Objekt des Arbeitsamtes degradiert wird.

Folter und Mord

Die drei kahl geschorenen Männer (über Verbindungen zu organisierten Nazistrukturen ist nichts bekannt) räumten beim inzwischen laufenden Gerichtsverfahren weitgehend ein, ihr Opfer geschlagen, mit Stahlkappenschuhen getreten, einen Stuhl, einen Tisch und einen Fernseher auf seinen Körper geworfen zu haben, ihn mit brennenden Zigaretten gequält und mit weiteren Grausamkeiten gedemütigt zu haben. Schon am Morgen vor der Tat haben sie ihr Opfer bestohlen und drangsaliert (wen diese Details interessieren, siehe unten die Berichte aus dem Freien Wort). Vor Gericht zeigt keiner der Täter so etwas wie Reue, am Tatort, gestanden sie, sich über die Notlage des Mannes amüsiert und keinen Moment daran gedacht zu haben, dem Sterbenden einen Arzt zu rufen. Der Mann wurde nach mehreren Tagen von einem Sozialarbeiter und der Polizei tot in der Wohnung aufgefunden.

Regression statt Revolution

Die Verfolgung von „Asozialen“, „Ausländern“ oder anderen Menschen und Gruppen, die in dieser Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, ist nicht zuletzt ein Ausdruck fehlender gesellschaftlicher Solidarität. Denn anstatt sich als „Verdammte dieser Erde“, als „Heer der Sklaven“ zusammenzutun und solidarisch für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, wie es die „Die Internationale“ von 1871 forderte, schreitet das bürgerliche Subjekt statt zur Revolution zur regressiven Verteidigung des nichtigen Selbst. Es verteidigt seinen Selbstwert als atmende Ware in einer Gesellschaft, deren Zweck in nichts anderem besteht, als der rastlosen Vermehrung von Tauschwerten. Die bürgerliche Thüringer Presse kann diesen Zusammenhang nicht fassen. Sie weiß nur von Habgier nach 27 erbeuteten Euro zu berichten und vielleicht noch von „Verrohung der Jugend“, deren Ursache sie höchstens in Videospielen sucht, aber bestimmt nicht in gesellschaftlichen Verhältnissen, die samt ihrer Ausschlussmechanismen und Krisenerscheinungen abzuschaffen wären.

Der Aufschrei bleibt aus

Erinnert sei hier an den Mord am 6-jährigen Mädchen Mary-Jane vor über einem Jahr im benachbarten Zella-Mehlis. Als sie im Juni 2011 missbraucht und ermordet wurde, war der Aufschrei des Mobs groß. (Antifa Suhl / Zella-Mehlis berichtete) Im Getümmel der Gutmenschelnden konnte man sich damals einerseits der eigenen moralischen Überlegenheit versichern und andererseits zum Gegenschlag gegen eine andere Randfigur ausrufen. Dass der Aufschrei heute ausbleibt, hat Gründe. Der 59-jährige Ermordete ist eben keine Identifikationsfigur, sondern nur ein stadtbekannter Trinker und die Mörder sind keine „Triebtäter“, sondern im Grunde derselbe Schlag Mensch, wie der Mob selbst, der eben nur in seiner Mehrzahl irgendwie noch die Kurve und einen mehr oder minder schäbigen Job bekommen hat. Deswegen gibt es für „Fisch“ keine Demonstrationen, keine Blumen, kein Gedenken und die Gesellschaft bleibt die unsolidarische und menschenfeindliche, gegen die so dringend gemeinsamer Widerstand nötig wäre.

* Antifa Suhl / Zella-Mehlis: Suhl: Zum Foltermord an einem „Asozialen“, 25.12.2012, http://de.indymedia.org/2012/12/339518.shtml