Hagalil-Artikel zur Nazi-Vokabel „Arbeitsscheu“

Schlagworte im Rechtsextremismus: Arbeitsscheu
27. Dezember 2012
Als “arbeitsscheu” werden im Tagesgespräch oft Menschen diffamiert, die als Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger ohne eigenes Verschulden nicht am Erwerbsleben teilnehmen können. Der Vorwurf der Arbeitsscheu diente in der NS-Zeit als Bestandteil der Sammelbezeichnung “Asoziale” zur Charakterisierung von bestimmten Angehörigen der sozialen Unterschichten (wie beispielsweise Bettler, Prostituierte, Obdachlose, Trinker, Drogenabhängige, Nichtangepasste, Aussteiger), die meist keiner geregelten Beschäftigung nachgingen. Er wurde schon lange vor der nationalsozialistischen Zeit als Begründung sozialfürsorgerischer Zwangsmaßnahmen (“Arbeitshaus”) benutzt…
Das NS-Regime begann bereits 1933 mit der Verfolgung von “Arbeitsscheuen” und anderen “Asozialen” (Süchtigen, Prostituierten…), die ab 1937 in Konzentrationslager eingewiesen und anderen Zwangsmaßnahmen (beispielsweise Sterilisation) unterworfen wurden, weil nach Verlautbarung der “Rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Forschungsstelle” im NS-Reichsgesundheitsamt asoziale Charaktereigenschaften angeblich vererbbar sein sollten.
1938 gab es eine Verhaftungswelle mit Einweisung in Konzentrationslager (Aktion “Arbeitsscheu Reich”), die weit über 10.000 Personen traf. Die Einstufung einer Person als “arbeitsscheu” war willkürlich, sie erfolgte oft durch Denunziation. Die Rechtlosigkeit des Einzelnen, die Preisgabe des Individuums gegenüber der Willkür der Behörden, die dem Wunsch der diesen Begriff Benutzenden entspricht, kommt in der Diskriminierung “arbeitsscheu” zum Ausdruck.

Eine von Vielen: Ilse Heinrich
Aus einem Interview mit Christa Schikorra, bpb.de
Ilse wird 1924 bei Wismar geboren. Schon früh muss sie bei der Feldarbeit mithelfen – die Stiefmutter hat nur wenig für Ilse übrig. Ilse reißt immer wieder aus und wird deshalb als “arbeitsscheu” klassifiziert. 1943 wird sie ins Arbeitshaus im Schloss Güstrow eingeliefert, im August 1944 wird Ilse nach Ravensbrück überstellt.
Ilse wird 1924 in Hornsdorf bei Wismar geboren. Ihre Mutter stirbt an Tuberkulose, als Ilse sechs Jahre alt ist. Die zweite Frau ihres Vaters bringt wenig Verständnis für sie auf. Ilse hat eine schwere Zeit: Sie muss auf dem Feld helfen und findet kaum Zeit, sich auf die Schule vorzubereiten.
1939 schließt sie die Schule ab und möchte gerne als Schiffsschwester oder Säuglingsschwester arbeiten. Aber wegen ihrer schlechten Schulbildung erhält sie keine Berufsausbildung, sondern muss wieder beim Bauern arbeiten. Immer wieder reißt sie aus, wird von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht. Sie wird deshalb als “arbeitsscheu” klassifiziert. 1943 wird Ilse ins Arbeitshaus im Schloss Güstrow eingeliefert und muss wieder Feld- und Gartenarbeit leisten.
Im August 1944 wird sie aufgefordert, ihre Sachen zu packen. Sie glaubt, dass sie nach Hause gehen kann, doch stattdessen wird sie in das Frauen-KZ Ravensbrück überstellt. Ihr werden die Haare geschoren. Das Bett ist verlaust, sie hungert, friert und muss schwer arbeiten. Anfang 1945 erkrankt sie schwer und wird ins Krankenrevier eingeliefert. 1945 bei Kriegsende – die SS und die meisten Häftlinge haben bereits das Lager verlassen – hilft ihr eine Häftlings-Krankenschwester aus dem Krankenrevier und bringt sie zu einer SS-Villa, wo Ilse die nächsten 14 Tage hochgepäppelt wird. Als sie endlich wieder zu Hause eintrifft, will die Stiefmutter sie nicht im Haus haben.
Im September 1947 bringt Ilse eine Tochter zur Welt. Das Kind ist unehelich, der Vater ein russischer Soldat. Das Landesjugendamt von Wismar will ihr das Kind wegnehmen, aber Ilse wehrt sich. So lässt das Jugendamt das Kind von Ilses Vater abholen. Wenig später gibt er das Kind zur Adoption frei. 1948 arbeitet Ilse – wieder im Schloss Güstrow – als Küchenhilfe. Sie bekommt eine zweite Tochter, die sie versorgt. Ilse geht dann nach Berlin, ihre Tochter bleibt im Kinderheim Hagenow. Bei den Weltjugendfestspielen 1951 in Berlin lernt sie ihren Mann kennen. Sie heiraten, haben zusammen einen Sohn und eine Tochter und holen die zweite Tochter Ilses aus dem Kinderheim zu sich. Endlich kommt sie zur Ruhe – findet ein Zuhause und eine Familie.
1987 erfährt sie von der Möglichkeit, als Opfer der NS-Willkür eine Entschädigung zu erhalten. Sie kämpft um die Anerkennung als Verfolgte des Nazi-Regimes und erhält endlich nach langjährigen Bemühungen seit 1995 eine Zusatzrente und im Jahre 2003 die erste Rate aus dem Fonds zur Entschädigung für Zwangsarbeit.

Ravensbrück
Das Lager Ravensbrück liegt beim Dorf Ravensbrück an der Havel, ca. 1 km vom Bahnhof Fürstenberg und 90 km nördlich von Berlin.
Lager für Frauen, »Jugendschutzlager« für Mädchen, auch Lager für Männer (u.a. Juden, sowjetische Gefangene), das offiziell ein Nebenlager von Sachsenhausen war.
Häftlinge in Ravensbrück u.a. aus Polen, Deutschland, auch aus Frankreich; Russinnen und Ukrainerinnen; Jüdinnen; auch Sinti und Roma.
Morde durch Genickschuß, Phenolinjektionen; Krematorium in Fürstenberg, ab April 1943 neben dem Jugendlager, dort Anfang 1945 Gaskammern, Abtransport und Ermordung behinderter, kranker und arbeitsunfähiger Gefangener in Euthanasie-Anstalten und nach Auschwitz, medizinische Experimente (Sulfonamidbehandlung bei künstlich zugefügten eitrigen Wunden und Knochentransplantationen, Sterilisationen – besonders bei Sinti und Roma); Arbeit u.a. in SS-eigener »Deutscher Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung«, in privater Landwirtschaft, bei Industrie- und Handwerksbetrieben der Umgebung.
Eingerichtet am 15.Mai 1939; 42 Nebenlager und Außenkommandos, u.a. in Bayern, Mecklenburg, im damaligen »Protektorat Böhmen und Mähren«. Befehl zur Räumung des Lagers Ende März 1945, Befreiung durch sowjetische Truppen in der Nacht vom 29. auf den 30. April.

* http://www.hagalil.com/archiv/2012/12/27/rechtsextremismus-5/


2 Antworten auf “Hagalil-Artikel zur Nazi-Vokabel „Arbeitsscheu“”


  1. 1 hagalil 01. Januar 2013 um 1:33 Uhr

    wäre nett, wenn der link aktiv wäre.
    alles gute für 2013.

  2. 2 hagalil 01. Januar 2013 um 1:35 Uhr
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