Archiv für Dezember 2012

Suhl: Zum Foltermord an einem „Asozialen“

Im Juni diesen Jahres folterten und töteten drei junge Männer einen 59-jährigen Mann in einem Suhler Plattenbau, um, wie die Presse schrieb, „Geld von ihm zu erpressen“. Dass Habgier der ausschlaggebende Grund gewesen sein soll, ist nur Zeichen fehlender Analyse gesellschaftlicher Ausschlussmechanismen. Der Mann wurde letztendlich nicht gefoltert, weil er zu wenig Geld rausrückte, sondern weil die Täter sich in ihren gescheiterten Existenzen an ihm aufrichten wollten.
Gründe der Gewalt

In der rassistischen Verfolgung, die sich gegen Flüchtlinge, Migranten oder schlicht „Ausländer“ richtet, kompensiert das verfolgende bürgerliche Subjekt seine Angst vor dem Untergang in der allgemeinen kapitalistischen Konkurrenz. Es verfolgt seine Opfer, um sie als potentielle oder wirkliche Konkurrenten, um die in dieser Gesellschaft verknappten Ressourcen, zu beseitigen und sich als Teil eines Kollektivs fühlen zu dürfen, in dem man vor Verfolgung vermeintlich qua Geburt geschützt ist. […] Die Verfolgung von Obdachlosen oder sogenannten „Asozialen“ folgt im Grunde derselben psychosozialen gesellschaftlichen Dynamik, in der meist fast ebenso gesellschaftlich Geächtete noch die verfolgen, die sie als Rangniedere wahrnehmen, um sich an deren Verfolgung aufzurichten. Der Ermordete von Suhl war ein solcher Mensch, den die Gesellschaft als „Asozialen“ abstempelt. Nichtmal seinen Namen verwendet die Presse, sie nennt nur seinen Spitznamen: „Fisch“ bzw. im Viertel auch bekannt als der „Kippensammler“, was wohl daher rührt, dass der Mann in Papierkörben nach Pfandflaschen und Tabakresten suchte, um seine eigene Armut etwas erträglicher zu gestalten. Der Mann wohnte in einer Ein-Raum-Wohnung in der Ringbergstraße in Suhl-Nord, in der ihn seine drei Peiniger auch überfielen. Die drei jungen Männer waren in einer ganz ähnlichen Situation wie ihr Opfer, alle drei waren arbeitslos und hatten ihre Ausbildungen abgebrochen. Sie befanden sich selber am Rand der Gesellschaft, perspektivlos und verarmt. Um der Einsicht in ihre eigene Nichtigkeit und Überflüssigkeit, zu der die Menschen in dieser Gesellschaftsordnung verdonnert sind, zu entgehen, bedienten sie sich – freilich unbewusst – eines gesellschaftlichen Mechanismus, wie er auch im Rassismus zur Geltung kommt. In der Unterwerfung des rangniederen „Asozialen“ durch äußerste Gewalt, gewannen sie für kurze Zeit die Handlungsfähigkeit zurück, die ihnen die Gesellschaft vorenthält. Sie fanden in ihrer eigenen Aufwertung gegenüber ihrem Opfer Kompensation für jene verlustig gegangene Verfügung über sich selbst, die in dieser Gesellschaft verliert, wer sein Auskommen nicht durch Lohnarbeit bestreitet und deswegen vom Subjekt seiner Arbeitskraft zum Objekt des Arbeitsamtes degradiert wird.

Folter und Mord

Die drei kahl geschorenen Männer (über Verbindungen zu organisierten Nazistrukturen ist nichts bekannt) räumten beim inzwischen laufenden Gerichtsverfahren weitgehend ein, ihr Opfer geschlagen, mit Stahlkappenschuhen getreten, einen Stuhl, einen Tisch und einen Fernseher auf seinen Körper geworfen zu haben, ihn mit brennenden Zigaretten gequält und mit weiteren Grausamkeiten gedemütigt zu haben. Schon am Morgen vor der Tat haben sie ihr Opfer bestohlen und drangsaliert (wen diese Details interessieren, siehe unten die Berichte aus dem Freien Wort). Vor Gericht zeigt keiner der Täter so etwas wie Reue, am Tatort, gestanden sie, sich über die Notlage des Mannes amüsiert und keinen Moment daran gedacht zu haben, dem Sterbenden einen Arzt zu rufen. Der Mann wurde nach mehreren Tagen von einem Sozialarbeiter und der Polizei tot in der Wohnung aufgefunden.

Regression statt Revolution

Die Verfolgung von „Asozialen“, „Ausländern“ oder anderen Menschen und Gruppen, die in dieser Gesellschaft an den Rand gedrängt werden, ist nicht zuletzt ein Ausdruck fehlender gesellschaftlicher Solidarität. Denn anstatt sich als „Verdammte dieser Erde“, als „Heer der Sklaven“ zusammenzutun und solidarisch für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, wie es die „Die Internationale“ von 1871 forderte, schreitet das bürgerliche Subjekt statt zur Revolution zur regressiven Verteidigung des nichtigen Selbst. Es verteidigt seinen Selbstwert als atmende Ware in einer Gesellschaft, deren Zweck in nichts anderem besteht, als der rastlosen Vermehrung von Tauschwerten. Die bürgerliche Thüringer Presse kann diesen Zusammenhang nicht fassen. Sie weiß nur von Habgier nach 27 erbeuteten Euro zu berichten und vielleicht noch von „Verrohung der Jugend“, deren Ursache sie höchstens in Videospielen sucht, aber bestimmt nicht in gesellschaftlichen Verhältnissen, die samt ihrer Ausschlussmechanismen und Krisenerscheinungen abzuschaffen wären.

Der Aufschrei bleibt aus

Erinnert sei hier an den Mord am 6-jährigen Mädchen Mary-Jane vor über einem Jahr im benachbarten Zella-Mehlis. Als sie im Juni 2011 missbraucht und ermordet wurde, war der Aufschrei des Mobs groß. (Antifa Suhl / Zella-Mehlis berichtete) Im Getümmel der Gutmenschelnden konnte man sich damals einerseits der eigenen moralischen Überlegenheit versichern und andererseits zum Gegenschlag gegen eine andere Randfigur ausrufen. Dass der Aufschrei heute ausbleibt, hat Gründe. Der 59-jährige Ermordete ist eben keine Identifikationsfigur, sondern nur ein stadtbekannter Trinker und die Mörder sind keine „Triebtäter“, sondern im Grunde derselbe Schlag Mensch, wie der Mob selbst, der eben nur in seiner Mehrzahl irgendwie noch die Kurve und einen mehr oder minder schäbigen Job bekommen hat. Deswegen gibt es für „Fisch“ keine Demonstrationen, keine Blumen, kein Gedenken und die Gesellschaft bleibt die unsolidarische und menschenfeindliche, gegen die so dringend gemeinsamer Widerstand nötig wäre.

* Antifa Suhl / Zella-Mehlis: Suhl: Zum Foltermord an einem „Asozialen“, 25.12.2012, http://de.indymedia.org/2012/12/339518.shtml

Hagalil-Artikel zur Nazi-Vokabel „Arbeitsscheu“

Schlagworte im Rechtsextremismus: Arbeitsscheu
27. Dezember 2012
Als “arbeitsscheu” werden im Tagesgespräch oft Menschen diffamiert, die als Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger ohne eigenes Verschulden nicht am Erwerbsleben teilnehmen können. Der Vorwurf der Arbeitsscheu diente in der NS-Zeit als Bestandteil der Sammelbezeichnung “Asoziale” zur Charakterisierung von bestimmten Angehörigen der sozialen Unterschichten (wie beispielsweise Bettler, Prostituierte, Obdachlose, Trinker, Drogenabhängige, Nichtangepasste, Aussteiger), die meist keiner geregelten Beschäftigung nachgingen. Er wurde schon lange vor der nationalsozialistischen Zeit als Begründung sozialfürsorgerischer Zwangsmaßnahmen (“Arbeitshaus”) benutzt…
Das NS-Regime begann bereits 1933 mit der Verfolgung von “Arbeitsscheuen” und anderen “Asozialen” (Süchtigen, Prostituierten…), die ab 1937 in Konzentrationslager eingewiesen und anderen Zwangsmaßnahmen (beispielsweise Sterilisation) unterworfen wurden, weil nach Verlautbarung der “Rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Forschungsstelle” im NS-Reichsgesundheitsamt asoziale Charaktereigenschaften angeblich vererbbar sein sollten.
1938 gab es eine Verhaftungswelle mit Einweisung in Konzentrationslager (Aktion “Arbeitsscheu Reich”), die weit über 10.000 Personen traf. Die Einstufung einer Person als “arbeitsscheu” war willkürlich, sie erfolgte oft durch Denunziation. Die Rechtlosigkeit des Einzelnen, die Preisgabe des Individuums gegenüber der Willkür der Behörden, die dem Wunsch der diesen Begriff Benutzenden entspricht, kommt in der Diskriminierung “arbeitsscheu” zum Ausdruck.

Eine von Vielen: Ilse Heinrich
Aus einem Interview mit Christa Schikorra, bpb.de
Ilse wird 1924 bei Wismar geboren. Schon früh muss sie bei der Feldarbeit mithelfen – die Stiefmutter hat nur wenig für Ilse übrig. Ilse reißt immer wieder aus und wird deshalb als “arbeitsscheu” klassifiziert. 1943 wird sie ins Arbeitshaus im Schloss Güstrow eingeliefert, im August 1944 wird Ilse nach Ravensbrück überstellt.
Ilse wird 1924 in Hornsdorf bei Wismar geboren. Ihre Mutter stirbt an Tuberkulose, als Ilse sechs Jahre alt ist. Die zweite Frau ihres Vaters bringt wenig Verständnis für sie auf. Ilse hat eine schwere Zeit: Sie muss auf dem Feld helfen und findet kaum Zeit, sich auf die Schule vorzubereiten.
1939 schließt sie die Schule ab und möchte gerne als Schiffsschwester oder Säuglingsschwester arbeiten. Aber wegen ihrer schlechten Schulbildung erhält sie keine Berufsausbildung, sondern muss wieder beim Bauern arbeiten. Immer wieder reißt sie aus, wird von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht. Sie wird deshalb als “arbeitsscheu” klassifiziert. 1943 wird Ilse ins Arbeitshaus im Schloss Güstrow eingeliefert und muss wieder Feld- und Gartenarbeit leisten.
Im August 1944 wird sie aufgefordert, ihre Sachen zu packen. Sie glaubt, dass sie nach Hause gehen kann, doch stattdessen wird sie in das Frauen-KZ Ravensbrück überstellt. Ihr werden die Haare geschoren. Das Bett ist verlaust, sie hungert, friert und muss schwer arbeiten. Anfang 1945 erkrankt sie schwer und wird ins Krankenrevier eingeliefert. 1945 bei Kriegsende – die SS und die meisten Häftlinge haben bereits das Lager verlassen – hilft ihr eine Häftlings-Krankenschwester aus dem Krankenrevier und bringt sie zu einer SS-Villa, wo Ilse die nächsten 14 Tage hochgepäppelt wird. Als sie endlich wieder zu Hause eintrifft, will die Stiefmutter sie nicht im Haus haben.
Im September 1947 bringt Ilse eine Tochter zur Welt. Das Kind ist unehelich, der Vater ein russischer Soldat. Das Landesjugendamt von Wismar will ihr das Kind wegnehmen, aber Ilse wehrt sich. So lässt das Jugendamt das Kind von Ilses Vater abholen. Wenig später gibt er das Kind zur Adoption frei. 1948 arbeitet Ilse – wieder im Schloss Güstrow – als Küchenhilfe. Sie bekommt eine zweite Tochter, die sie versorgt. Ilse geht dann nach Berlin, ihre Tochter bleibt im Kinderheim Hagenow. Bei den Weltjugendfestspielen 1951 in Berlin lernt sie ihren Mann kennen. Sie heiraten, haben zusammen einen Sohn und eine Tochter und holen die zweite Tochter Ilses aus dem Kinderheim zu sich. Endlich kommt sie zur Ruhe – findet ein Zuhause und eine Familie.
1987 erfährt sie von der Möglichkeit, als Opfer der NS-Willkür eine Entschädigung zu erhalten. Sie kämpft um die Anerkennung als Verfolgte des Nazi-Regimes und erhält endlich nach langjährigen Bemühungen seit 1995 eine Zusatzrente und im Jahre 2003 die erste Rate aus dem Fonds zur Entschädigung für Zwangsarbeit.

Ravensbrück
Das Lager Ravensbrück liegt beim Dorf Ravensbrück an der Havel, ca. 1 km vom Bahnhof Fürstenberg und 90 km nördlich von Berlin.
Lager für Frauen, »Jugendschutzlager« für Mädchen, auch Lager für Männer (u.a. Juden, sowjetische Gefangene), das offiziell ein Nebenlager von Sachsenhausen war.
Häftlinge in Ravensbrück u.a. aus Polen, Deutschland, auch aus Frankreich; Russinnen und Ukrainerinnen; Jüdinnen; auch Sinti und Roma.
Morde durch Genickschuß, Phenolinjektionen; Krematorium in Fürstenberg, ab April 1943 neben dem Jugendlager, dort Anfang 1945 Gaskammern, Abtransport und Ermordung behinderter, kranker und arbeitsunfähiger Gefangener in Euthanasie-Anstalten und nach Auschwitz, medizinische Experimente (Sulfonamidbehandlung bei künstlich zugefügten eitrigen Wunden und Knochentransplantationen, Sterilisationen – besonders bei Sinti und Roma); Arbeit u.a. in SS-eigener »Deutscher Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung«, in privater Landwirtschaft, bei Industrie- und Handwerksbetrieben der Umgebung.
Eingerichtet am 15.Mai 1939; 42 Nebenlager und Außenkommandos, u.a. in Bayern, Mecklenburg, im damaligen »Protektorat Böhmen und Mähren«. Befehl zur Räumung des Lagers Ende März 1945, Befreiung durch sowjetische Truppen in der Nacht vom 29. auf den 30. April.

* http://www.hagalil.com/archiv/2012/12/27/rechtsextremismus-5/