Lesetipp: Wallraff als Undercover-Obdachloser

Bereits mehrfach hat sich der investigativ arbeitende Journalist Günter Wallraff als Obdachloser ausgegeben, um die Lebensbedingungen von obdachlosen Menschen zu erkunden. Dabei gibt er den Menschen auf der Straße auch eine Stimme, um selber ihre Geschichte zu erzählen.

Neuestes Ergebnis seiner Tätigkeit als Undercover-Obdachloser ist der Text „Unter Null. Die Würde der Straße“. Hier berichtet er vor allem von den Gegebenheiten in den Asylen für Obdachlose. Diese sind häufig alles andere als menschenwürdig.
Besonders schlimm ist das Vergessen, dem Obdachlose anheimfallen. Wallraff beschreibt wie Marco G. aus Berlin auf der Straße stirbt, vermutlich als Resultat der Kälte. Die Behörden tun nicht viel um Verwandte zu ermitteln. Wallraff telefoniert einfach alle mit dem Nachnamen von G. in Berlin ab und findet so problemlos seine Mutter. So kann verhindert werden, dass G. in einem anonymen Armengrab beerdigt wird.

Wallraff konstatiert, dass Hilfe möglich ist, aber nur mit einem individuellen Ansatz:

Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf. Wir leben immer noch in einem reichen Land. Diese Menschen aber haben keine Lobby, sie haben keinen, der sich für sie interessiert. Hier könnte man so manchem raushelfen, davon bin ich überzeugt. Aber nur wenn man den Einzelnen und sein jeweiliges Problem ernst nimmt.

(Seite 97-98)

Den Obdachlosen Fred zitiert Wallraff wie folgt:

Hartz IV ist wie Sozialamt. Und ich war stolz, dass ich nie zum Sozialamt gehen musste. Ich hab früher Mülltonnen geleert, ich war bei der Stadt angestellt. Aber dann kommst du in so eine Situation und bist am Arsch. Und kommst auch nicht mehr raus. Weil Du einen Stempel aufgedrückt bekommen hast. Du hast ihn auf der Stirn stehen. Die wollen uns alle knien sehen. Das siehst du schon beim Amt, da drohen sie uns: »Wenn Sie nicht ruhig sind, kriegen Sie nichts.« Sie haben die Staatsmacht, okay, sie haben das Hausrecht. Aber als ich einen neuen Ausweis brauchte, weil man mich beklaut hatte, musste ich 30 Euro bezahlen. Wie soll das gehen? Ich muss doch auch essen. Das interessiert die nicht.

(Seite 106- und 108)

Einen anderer Obdachloser berichtet von seiner Erfahrung mit Gewalt:

Da bin ich mal in Baden-Württemberg von drei Skinheads , also so Rechtsradikalen, zusammengetreten worden. Die hatten aber erst gewartet, bis ich im Schlafsack drin war und mich kaum noch wehren konnte. Bis ich da wieder rauskam, das dauerte eine Weile. Die haben mich richtig zusammengetreten. Das war echt unangenehm.

(Seite 121)

* Kapitel in Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere, Köln, Neuauflage 2012, Seite 77-124