Archiv für Februar 2012

Kältetod und Obdachlosigkeit

Über 300 Kältetote hat es laut Medienberichten bisher in Europa durch die jüngste Kältewelle gegeben. Doch war es wirklich die Kälte, die mehrere hundert Menschenleben forderte? Zu den Kälteopfern gehören vor allem Obdachlose oder Rentner_innen.
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Aus Deutschland ist mindestens ein Fall, nämlich der eines obdachlosen Kälte-Opfers aus Magdeburg bekannt. Die Straßenzeitung „Hinz und Kunzt“ berichtete:

Deutschland hat den ersten obdachlosen Kältetoten dieses Winters zu beklagen: In Magdeburg (Sachsen-Anhalt) ist ein 55 Jahre alter Mann erfroren. Er war seit mehreren Jahren obdachlos. Eine Passantin hatte den leblosen Mann am Donnerstagmorgen auf einer Bank vor einem Blumenladen entdeckt. Der zur Hilfe gerufene Notarzt stellte den Tod des Mannes fest, der im Viertel offenbar bekannt war.

Unklar ist ob die Zahl von über 300 Kältetoten auch Länder wie die Ukraine oder Russland mit einbeziehen. Einmal ist Osteuropa allgemein und verfügt daher wohl über weniger (Not-)Einrichtungen. Zudem dürften Kältetote in Ländern wie Russland weniger in Statistiken registriert bzw. gegenüber der Öffentlichkeit bekannt gegeben werden. Häufig ist das Image im In- und Ausland so wichtig, dass solche Fälle gern verschwiegen werden.

Sind nun die Kältetoten einfach Menschen, die erfroren sind weil sie unvorsichtig gewesen sind? Wohl kaum in der Mehrheit der Fälle. Die Kältetoten haben schon etwas mit der Verfasstheit der Gesellschaft zu tun.
In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft leben viele Menschen am Rande als Einzelgänger und Alleingelassene. Allein gelassen und ausgeschlossen von der kapitalistischen Glitzerwelt fallen sie niemandem mehr auf als ihrem engsten Umfeld, das im schlimmsten Fall gar nicht existiert. Offensichtliche Arme werden schnell unsichtbar, besonders im Westen. Sie verschwinden aus dem Sichtbarkeitsspektrum der bürgerlichen Mitte. Das dürfte auch seine Ursache in dem Fakt haben, dass allzu offensichtliche Formen von Armut wie in beispielsweise Obdachlosigkeit die Bürger_innen daran erinnert das das Glücksversprechen der kapitalistischen Moderne auch im Westen für viele nicht in Erfüllung geht, für einige sogar in Bezug auf eine materielle Grundversorgung.

Es ist der kapitalistischen Moderne geschuldet, wenn Menschen sterben weil sie vereinsamt sind. Die kapitalistische Moderne zerstört die traditionellen Familienstrukturen. Menschen werden auf sich selbst zurückgeworfen, im Westen versucht der Sozialstaat teilweise die Familie zu ersetzen. Das gelingt nur unvollständig und immer größer werden die Löcher im so genannten sozialen Netz. Mit dem Vordringen des Kapitalismus in alle Erd- und Lebensbereiche kommt es zu einer ständigen Konkurrenz der Individuen. Die einfachsten menschlichen Selbstverständlichkeiten werden zur Ware oder mit Misstrauen betrachtet, wenn sie nicht als Ware, d.h. umsonst, angeboten werden. Doch sollen mit der Kritik der (post-)modernen Ellenbogen-Gesellschaft nicht die vor-kapitalistischen Zustände über den grünen Klee gelobt werden. Solidarität und Menschlichkeit erstreckten sich vor dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus meist nur auf einen beschränkten Kreis von Familie, Clan, Kaste, Dorfgemeinschaft. Der „Fremde“, besonders der arme „Fremde“, blieb davon ausgeschlossen. Außerdem zahlten viele – besonders weibliche – Mitglieder solcher auf Herkunft basierenden Solidargemeinschaften einen hohen Preis. Für den Schutz und die Unterstützung der Familie musste man sich starken Hierarchien (z.B. dem Patriarchat) unterwerfen. Da musste man entgegen den eigenen Neigungen die arrangierte Ehe eingehen, die die Eltern organisierten, oder den Beruf des Vaters fortführen. Die Familie wird so zur Zwangsinstitution. Ein positiver Gegenentwurf wäre eine freie und solidarische Gesellschaft in der sich ohne Unterwerfung jede_r um jede_n kümmert.

Heute erfriert eine Rentnerin, weil sie allein zu Hause lebt und niemand auf sie achtet. Sie erfriert körperlich an der physischen Kälte und seelisch an der sozialen Kälte. Wir leben in einer kapitalistisch überformten Konkurrenzgesellschaft, die entweder die Atomisierung (Vereinzelung) der Menschen vorantreibt oder die reaktionäre Gegenmodelle (zurück aufs Land, Religionen und Psychokulte) provoziert und antreibt. Wir leben in einer Zeit, in der bei Angriffen auf Schwächere die Leute lieber Handykameras zücken um zu filmen als einzugreifen und zu helfen.

Die wegfallende intermenschliche Solidarität, in der sich jeder nur um sein Auskommen und das der Seinen sorgt, führt dazu, dass es hingenommen wird, dass Menschen ohne feste Obdach leben obwohl es genug Leerraum gibt.
Außerdem führt die Vereinzelung auch zu Konkurrenzkämpfen ganz unten. Auch in Notübernachtungen wird gestohlen. Aus Spargründen haben fast alle Notübernachtungen Mehrbettzimmer, die zudem sehr kärglich ausgestattet sind. In diesen werden dann Einzelpersonen zusammen untergebracht, die häufig physische, psychische oder Drogen-geprägte Probleme haben. Die Probleme der Menschen werden aber nicht geringer, wenn sie mit anderen Menschen mit eigenen Problemen zusammen untergebracht werden. Ein trockener Alkoholabhängiger wird seinen Entzug in einer Notübernachtung kaum durchhalten können.
Hinzu kommt, dass es in fast allen Unterkünften nicht erlaubt ist Hunde mitzubringen, was dazu führt dass obdachlose Hundehalter, in deren Leben Hunde meist einen sehr wichtigen Platz besetzen, nicht kommen.
Außerdem gibt es besonders bei neuen Obdachlosen eine ausgeprägte Scham, weil sie im sozialen ranking abgestiegen sind. Der Schritt durch die Tür einer Notübernachtung macht ihre Obdachlosigkeit sichtbar und viele zögern deshalb.
Das führt dazu, dass viele Obdachlose erst Minusgrade in die Notübernachtungen treibt oder sie sogar trotzdem noch zögern lässt. So übernachten sie weiter draußen. Hier werden sie übersehen, ignoriert und erfrieren manchmal. Wieviele Menschen mögen gedankenlos an dem Obdachlosen in Magdeburg vorbeigegangen sein? Hat jemand ihn mal jemand angesprochen oder wachgerüttelt und gefragt, ob er woanders hin will?

Bis zur Überwindung der gesellschaftlichen Verhältnisse die Armut und Vereinzelung hervorbringen, sollten wir immerhin wieder etwas mehr Menschlichkeit leben.

* BEB: Obdachloser in Magdeburg erfroren, 3. February 2012, http://www.hinzundkunzt.de/nachrichten/obdachloser-in-magdeburg-erfroren/