Archiv für Mai 2011

Pressemitteilung: Gedenken an die Aktion „Arbeitsscheu Reich“

05. Juni 2011 Gedenktag an die Aktion „Arbeitsscheu Reich“

14.00 Uhr Hauptstraße 8 vor dem ehemaligen Arbeitshaus Rummelsburg

Wir erinnern und gedenken!

Am 13. Juni 2011 jährt sich zum 73. Mal die Durchführung der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ durch die Kriminalpolizei, die symptomatisch für den Beginn der offiziellen „Asozialenverfolgung“ durch das Nazi-Regime steht. Sie stellte die Legalisierung einer jahrelang zunehmenden Ausgrenzungspolitik durch Stigmatisierung und Kriminalisierung sogenannter sozialer Randgruppen dar. Betroffene waren zum Beispiel Obdachlose, Bettler_innen, Prostituierte, Homosexuelle, Sinti und Roma, Alkoholiker_innen …, die u. a. als „Unangepasste“, „Un- bzw.
Minderwertige“, „Unnütze“, „Arbeitsunwillige“ bzw. „Volks- bzw. Gemeinschaftsfremde“ gebrandmarkt wurden. Unter den Nazis bedeutete dies für Zehntausende, der als „Asoziale“ stigmatisierten Menschen Verfolgung, Sterilisation, Gewahrsamnahme bis hin zur Zwangsarbeit und Ermordung in Konzentrationslagern.

Warum gerade an diesem Ort?

Das Areal der ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser steht symptomatisch für eine ganze Reihe authentischer Orte von Naziverbrechen, die in den letzten Jahren durch Privatisierung und Kommerzialisierung entsorgt wurden. Nicht nur die frischen Fassaden täuschen über ihre Geschichte hinweg. Während z.B. das „ANDERE HAUS VIII“ an der Rummelsburger Bucht aus der Nutzung des Areals als Knast in der DDR Kapital zu schlagen versucht oder dort ansässige Vereine sich ausschließlich dem Unrecht in der DDR widmen, erinnert nichts an den Naziterror an diesem Ort. So z.B auch nicht: an die sowjetischen Zwangsarbeiter_innen. Mädchen und jungen
Frauen die nachts eingepfercht und tagsüber in die anliegenden Fabriken der IG Farben oder nach Oberschöneweide getrieben wurden. Dieses Parallelgedenken stellt einen Versuch dar, die Singularität der Verbrechen des Naziregimes zu leugnen, zu relativieren und zu bagatellisieren, um damit auch die letzten Überlebenden im stillen Gedenken zu begraben. Eine Gleichsetzung des Naziregimes mit der DDR lehnen wir aber an jedem Ort und zu jeder Zeit ab. Sowohl Völkermord als auch der Vernichtungskrieg der Nazis waren ein einmaliger Zivilisationsbruch und jeder Versuch der Relativierung und Verharmlosung ist ein geschichtsrevisionistischer Vorstoß, dem wir uns entgegenstellen. Sonst übertönt das Schweigen über Unrecht und Mord der Nazis auch weiterhin das Schreien der Gefolterten im „Raum der Stille“ des etwas anderen Hauses VIII.

Ihrem Raum der Stille, des Verschweigens und Vergessens wollen wir unser vernehmliches Gedenken entgegen setzen und fordern: Gerade an diesem authentischen Ort darüber hinaus eine Erinnerungs- und Lernstätte zu Kontinuitäten und Brüchen sozialer Ausgrenzung mit Schwerpunkt zur „Verfolgung und Ermordung sogenannter Asozialer durch das Nazi-Regime“.

Wir (er-) mahnen!

Nicht nur aber insbesondere in Krisenzeiten verschärft sich der Ton, der in und durch Politik, Medien und Gesellschaft die propagandistische Begleitmusik für Ausgrenzung und Rassismus ist. Wieder ist es an der Tagesordnung „unwerte“, „unnütze“, „unwillige“ oder „unangepasste“ Menschen als Abweichung von einer vermeintlichen Norm zu konstruieren, um sie diskriminieren, kriminalisieren und ausgrenzen zu können. Sanktionen bzw. Zwangsmaßnahmen sollen ideologisch gerechtfertigt bzw. deren Notwendigkeit öffentlich akzeptierbar gemacht werden. Es ist ein sozialpsychologisches Klima erzeugt worden, das Leistungseinschränkungen oder auch Zumutbarkeits- oder Sanktionsverschärfungen den Boden bereitet. Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit und Humanität bleiben im „Säurebad der Konkurrenz“ (Karl Marx) auf der Strecke.

So wird unter dem euphemistischen Label „Integrationsdebatte“ gegen Menschen anderer Herkunft oder Religion gehetzt und eine Ausgrenzungspolitik betrieben. Unter der nicht gerade neuen Behauptung, der „Sozialstaat“ sei nicht mehr finanzierbar, werden sozial Benachteiligte unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt und diskriminiert. Oder es wird zunehmend unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit mal gesagt, „was doch wohl mal gesagt werden können muss“. Auch ideologische Versatzstücke von Vererbungs- und Überlegenheitstheorien wie von Alfred Grotjahn bis zu Thilo Sarrazin dienen als Basis für die öffentliche Legitimierung von Stigmatisierungen, Kriminalisierungen und Sanktionierungen von zu Sündenböcken stilisierten Bevölkerungsgruppen.

Lehren ziehen!

Die heutige manifeste Neubelebung stigmatisierender Zuschreibungen insbesondere gegen die so genannten Verlierer_innen der Konkurrenz- bzw. Leistungsgesellschaft darf nicht weiter zugelassen, dem Rechtsruck der Gesellschaft nicht weiter still schweigend gefolgt und Vorurteile nicht weiter reproduziert bzw. Ängste geschürt werden. Die Ursachen und Verursacher_innen für komplexe soziale Probleme müssen klar benannt und vereinfachende Lösungsangebote über eine bloße Bekämpfung von Symptomen aus einer verzehrt dargestellten Wirklichkeit abgelehnt werden.
Rassismus und Ausgrenzung sind Standbeine einer Wirtschaftslogik, die Menschen auf ihren bloßen „Nutzen“ (Mehrwert) bzw. ihre „Verwertbarkeit“ reduziert, sie erpressbar und manipulierbar macht sowie sie entsolidarisieren soll. Im Kampf „jeder gegen jeden“ soll eine permanente soziale Selektion stattfinden. Einer solchen Logik müssen wir uns entgegenstellen!

Der Arbeitskreis „Marginalisierte-gestern und heute!“ will mit einem jährlichen Gedenktag an den 13. Juni die Öffentlichkeit auf die weitestgehend vergessenen Nazi-Opfer – die sogenannten Asozialen – aufmerksam machen, ein würdiges Erinnern ermöglichen und seine Forderungen nach Aufarbeitung dieses Nazi-Unrechts sowie nach Rehabilitierung und Entschädigung bekräftigen. Denn nur wer die Geschichte kennt und daraus entsprechende Lehren zieht, kann die Zukunft diskriminierungsfrei gestalten!

Niemand und nichts ist „asozial“! Der schwarze Winkel steht dafür als Mahnung!

Sonntag, 5. Juni, 14.00 Uhr vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Arbeitshauses Rummelsburg in der Hauptstrasse 8 (zwischen Hildgard-Marcusson-Str. und Georg-Löwenstein-Str.) statt.

ÖPNV: Tram 21 bis Kosanke-Siedlung oder S-Bhf Rummelsburg (Fußweg ca.10 min)

Moderation: Lothar Eberhardt, AK Marginalisierte

Beiträge:

Dirk Stegemann, Arbeitskreis „Marginalisierte-gestern und heute!“

Frau Framke, Kulturstadträtin Lichtenberg

Ilse Heinrich: Zeitzeugin

Thomas Irmer, Historiker

N.N. Bündnis „Niemand ist vergessen“

Jens Dobler, Historiker

N.N. „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ-Uckermark“ (angefragt)

Musik: Boxhagener Stadtmusikanten

Bruno Schleinstein (in Gedenken, verst. 2010)

Pressemitteilung der Kampagne „Niemand ist vergessen!“ vom 21.05.2011

Gedenken an rechten Mord
Täter sind frei – Bündnis kämpft um Gedenkstein

Kontakt: niemand-ist-vergessen.de

Am 24. Mai 2011 ruft das Bündnis „Niemand ist vergessen!“ zu einer Gedenkveranstaltung im Pankower Ortsteil Buch auf (Di. 24.Mai 2011, 17.30 Uhr S-Bhf. Buch).
In der Nacht vom 23. Auf den 24. Mai 2000 ermordeten vier Bucher Neonazis den damals 60 Jährigen Dieter Eich. Eich musste sterben, weil er erwerbslos und damit in den Augen seiner Mörder ein „Assi“ war. Wenn mensch „so einen aufklatschen würde , täte man etwas fürs Volk“ [1] gaben die Täter später vor Gericht zu Protokoll.
Der zu dreizehn Jahren verurteilte Haupttäter Mathias Kowalik sitzt derzeit noch seine Haftstrafe ab (voraussichtlich bis 2013). Die anderen Täter Rene Rost, Andreas Ibsch und Thomas Schwalm wurden bereits entlassen.

In Buch hat auch elf Jahre nach dem Mord, trotz der Öffentlichkeitsarbeit der letzten Jahre, rund um den Todestag, leider wenig Auseinandersetzung mit der Tat statt gefunden.„Im letzten Jahr mussten wir uns über Dieter Eich immer wieder Sprüche anhören wie »Der war hier doch als Säufer bekannt gewesen«, so Martin Sonnenburg vom Bündnis „Niemand ist vergessen!“.
Das Bündnis wird sich darum ab diesem Jahr für einen Gedenkstein am ehemaligen Wohnhaus von Dieter Eich stark machen. Ein entsprechender Antrag wird noch im Mai bei der Pankower Gedenktafelkommission eingereicht.

Das Bündnis versteht das Gedenken am 24. Mai als Teil des Kampfes um die Anerkennung der Opfer rechter Gewalt. Nur 47 Menschen wurden laut Bundesinnenministerium von Neonazis umgebracht, dabei liegt die Opferzahl weit höher. Opferberatungsstellen und Journalist_innen kommen auf rund 138 Tote [2]. Dieter Eich ist einer dieser „verschwiegenen Toten“.

„Die Gewalt trifft oft Wohnungslose, also Menschen die keine Möglichkeit haben sich Gehör zu verschaffen.“, so die Journalistin Heike Kleffner auf einer Podiumsdiskussion des Bündnisses am vergangenen Montag. Dass Ablehnung gegenüber Erwerbslosen immer wieder Thema ist und in weiten Teilen der Gesellschaft Zuspruch findet, belegte der jüngste Übergriff auf einen Obdachlosen am 20. Mai. Ein Jugendlicher hatte einen Mann auf Grund seiner Wohnungslosigkeit am Bahnhof Alexanderplatz erst beschimpft und anschließend brutal zusammengeschlagen [3].

Martin Sonnenburg: „Uns ist es egal ob jemand ein »Säufer« war oder nicht. Dieter Eich war in erster Linie ein Mensch, der brutal ermordet wurde. Darum geht es uns.“. Weiterhin sagte Sonnenburg „Mit dem Gedenkstein möchten wir ein Zeichen setzen, das dauerhaft sichtbar ist – nicht nur ein Mal im Jahr, am Todestag von Dieter Eich.“.

Das Bündnis „Niemand ist vergessen!“ lädt alle Menschen, die sich gegen das menschenverachtende Handeln von Neonazis und die wachsende soziale Ausgrenzung darum am 24. Mai um 17.30 Uhr zur Demonstration am S-Bhf. Buch. Vor dem ehemaligen Wohnhaus Dieter Eichs in der Walter-Friedrich-Straße 52 wird es eine Kundgebung geben. Im letzten Jahr beteiligten sich rund 400 Menschen an der Demonstration durch Buch.

Quellen/Verweise:01 Beglaubigter Urteilsspruch des Landgericht Berlin, Seite 1102 Tagesspiegel, 16.09.2010, (Ergänzung: Kamal K. wurde im Oktober in Leipzig ermordet) hier lesen03 Blaulichtatlas, 20.05.2011, hier lesen

ORIGINAL: http://www.niemand-ist-vergessen.de

Die Angst eines obdachlosen Menschen

Ich danke dem Herrgott jeden Tag, dass ich auf meiner »Platte« wieder lebendig aufwache. Ich bin schon oft überfallen worden.

Andreas (* 1960), seit 1985 wohnsitzlos, in der Ausstellung „un-gewohnt“

Fundstück aus Wien

Wien für Bettler