Archiv für Juni 2009

Hintergründe zu Mord an Obdachlosen in Leipzig

Was'n Penner
Mit der Sprache fängt es an … „Penner“ als Beleidigung, Graffiti in Dresden

In verdienstvoller Weise wird in der Broschüre „Leipziger Zustände“ (Download: http://www.chronikle.org:3015/files/material/Leipziger_Zustaende.pdf) unter der Überschrift „OBDACHLOSER STIRBT NACH HEIMTÜCKISCHEM ÜBERFALL …UND NIEMANDEN INTERESSIERT ES“ die tödliche Gewalttat gegen einen Obdachlosen und der anschließende Prozess kritisch beleuchtet. Hier eine Dokumentation des Berichts:

Ausnahmsweise wird an dieser Stelle ein Eintrag aus der Online-Chronik vollständig dokumentiert. Damit soll nicht nur darauf hingewiesen werden, dass auf der Internetseite häufig weitaus mehr Informationen zu finden sind als in den Auszügen in dieser Broschüre und sich daher ein Blick darauf lohnt. Es soll auch an einen grausamen, tödlichen Übergriff erinnert werden, der im vergangenen Jahr in der Leipziger Öffentlichkeit so gut wie keine Aufmerksamkeit gefunden hat.
Samstag, 6. September 2008: Zwei Wochen nach einem gewaltsamen Übergriff auf ihn ist ein Obdachloser aus Leipzig am Sonnabend im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Eine Passantin hatte den Mann nach Polizeiangaben am Morgen des 23. August gegen 7.30 Uhr auf einer Parkbank am Schwanenteich bei der Oper entdeckt. Der 59-jährige Obdachlose war bewusstlos und vom Regen durchnässt. Bei ihm wurden lebensgefährliche Verletzungen am Kopf festgestellt, er war deshalb ins Universitätsklinikum eingeliefert worden.
Knapp eine Woche später, am 29. August, nahm die Polizei einen aus dem Leipziger Umland stammenden 18-Jährigen fest. Dieser gab in einer ersten Vernehmung die Gewalttat gegen den Obdachlosen zu. Gegen den Jugendlichen wurde zunächst Haftbefehl wegen des Verdachts auf versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung erlassen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Obdachlose heimtückisch im Schlaf überfallen wurde. Neben den Kopfverletzungen wurden ihm auch Prellungen am ganzen Körper zugefügt. In der Anklageschrift ist von Brüchen im Gesicht, einer Halswirbelfraktur sowie Hirnquetschungen und -blutungen die Rede.
Am 27. März 2009 wurde der mittlerweile 19-jährige Täter Michael H. aus Delitzsch nach vier Prozesstagen wegen heimtückischen Mordes zu einer Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten verurteilt. Dabei fand wegen „Reifedefiziten“ des gebürtigen Schkeuditzers das mildere Jugendstrafrecht Verwendung, das als Höchststrafe maximal zehn Jahre Haft vorsieht. Der geständige Angeklagte nahm das Urteil an und erklärte, auf Revision verzichten zu wollen. Der Staatsanwalt erklärte in seinem Plädoyer, das Opfer habe nichts getan, „außer im Park nachts zu schlafen“. Sein Mörder habe den Mann „zum bloßen Objekt degradiert“.
Während des Prozesses war unter anderem zur Sprache gekommen, dass H. sich in der Tatnacht zuvor mit anderen Jugendlichen getroffen hatte, um an einer Mahnwache für ein achtjähriges Mädchen teilzunehmen, deren Leiche am 21. August in einem Stötteritzer Teich entdeckt worden war. Sowohl an diesem Tag als auch am Abend des 22. August hatte es im Leipziger Osten aus diesem Anlass Spontandemos von Neonazis gegeben, die dabei unter anderem „Todesstrafe für Kinderschänder!“ skandierten. Ob es sich bei der „Mahnwache“, an der Michael H. am Abend des 22. August teilgenommen hat, bevor er selber zum Mörder an einem Wehrlosen wurde, um diese Nazi-Demo handelte, wurde vor Gericht anscheinend nicht näher beleuchtet.
Der Lehrling für Holzbearbeitung hatte den ihm unbekannten Obdachlosen in der Nacht zum 23. August zwischen 1.30 und 2 Uhr gleich zweimal brutal geschlagen und getreten. Zwischendurch verließ er sein schwer verletztes Opfer für eine halbe Stunde, um sich mit Freunden zu treffen, bevor er zum Tatort zurückkehrte. Was ihn zu seiner Tat getrieben hatte, konnte H. vor Gericht nicht erklären. Er habe Alkohol getrunken (bis zu 14 Flaschen Diesel) und sei „in Rage“ gewesen. Nach dem Vernehmungsprotokoll habe er während der Übergriffe zu dem Obdachlosen gesagt, dieser solle „nicht hier schlafen“.
Ob ein 21-jähriger Wurzener, der zumindest bei einer der beiden Prügelattacken anwesend war, dabei selbst mit „Hand angelegt“ hat, dafür sahen Staatsanwalt und Gericht „keine greifbaren Anhaltspunkte“. Zumindest scheint er nicht eingeschritten zu sein oder die Polizei oder einen Arzt verständigt zu haben. In seiner Aussage vor Gericht belastete der Zeuge seinen früheren Kumpel schwer. Dieser habe den Schlafenden angeschrien: „Du hast hier nicht zu pennen.“ Dann habe er ihm einen harten Fausthieb verpasst und sei ihm schließlich ins Gesicht gesprungen. Als H. von seinem Opfer abgelassen hatte, habe er den röchelnden und Blut spuckenden Mann zurück auf die Parkbank gelegt und ihn gefragt, ob er einen Arzt wolle. Das habe dieser verneint, da er keinen Ausweis habe.
Dass die Polizei dem Übergriff auf einen Obdachlosen zunächst keinen hohen Stellenwert einräumte, darauf lässt die Aussage einer Zeugin am zweiten Prozesstag schließen. Die Studentin hatte den leblosen Mann am Morgen entdeckt und gegen 6 Uhr die Polizei im nahen Innenstadtrevier verständigt. Die Beamten zeigten allerdings kein großes Interesse an ihrer über die Gegensprechanlage geäußerten Meldung. Erst anderthalb Stunden später schickte die Behörde jemanden zum Nachschauen von der Ritterstraße an den Schwanenteich. Das bezeichnet selbst die LVZ als „merkwürdig“. Für die zuständigen Beamten scheint dieses Verhalten jedoch keine Konsequenzen zu haben.