Problematische Fragestellung in neuer Studie

In dem Artikel „Warum drei Großstädte wissen wollen, ob Menschen gerne mit „Juden, Homosexuellen, Dunkelhäutigen“ zusammenleben“ in dem Magazin VICE vom 16. Juli 2018 wird die problematische Fragestellung in einer neuen Studie kritisiert:

„Eine der Fragen, die dem Leipziger Ordnungsamt am Ende eine „verlässliche Situationsbeschreibung“ bringen soll, lautet, ob die Befragten es „gut finden“, „wenn Obdachlose, herumhängende Jugendliche oder Prostituierte aus dem Gebiet um den Hauptbahnhof vertrieben werden“. Eine Erklärung, wie und warum diese Mitmenschen sich auf die „Lebensqualität und Sicherheit“ der Befragten auswirken sollen, finden die Teilnehmer in der zwölfseitigen Umfrage nicht.“

Buchrezension: „Kein Dach über dem Leben“ von Richard Brox

Der langjährige Obdachlose Richard Brox hat mit seiner Biografie „Kein Dach über dem Leben“ dieses Jahr ein Buch veröffentlicht, welches es sogar auf die Bestseller-Liste geschafft hat.
Buch von Richard Brox
Brox ist Jahrgang 1964 und kommt aus Mannheim-Schönau. Die Schönau gilt als so genanntes ‚Problemviertel‘, in dem ein rauher Ton vorherrscht. Doch das wäre vermutlich kein Problem gewesen, wenn seine Eltern das mit ihrer Liebe kompensiert hätten. Aner Brox erlebt eine kalte Kindheit in emotionaler und materieller Armut. Seine beiden Eltern sind Alkoholiker und unfähig ihrem Kind Liebe zu zeigen. Während sein Vater zum Bier greift, bevorzugt die Mutter Wein. Beide kompensieren mit dem Alkohol ihre seelischen Verletzungen durch die Nazis. Seine Eltern beziehen eine Überlebenden-Rente, die eigentlich ausreichen würde, aber der Vater von Richard Brox gibt sein Geld für teure Geschenke an die Mutter aus. Richard ist für seinen erblindeten Vater Helmut Hans Brox (1926-1977) eine Stütze. Der Kriegsverweigerer und Fahnenflüchtling wurde in der NS-Zeit viermal verurteilt und wurde zuletzt wohl im Lager Mauthausen interniert. Später arbeitete der ehemalige NS-Häftling für die US-Armee. Nach seiner Erblindung wurde er Frührentner.
Die Mutter Gertrud Brox (1921-1985) ist eine getaufte polnische Jüdin, die von den Nazis als solche nicht erkannt wurde, aber als polnische Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert wurde und 1944 als politischer Häftling ins Frauen-KZ Ravensbrück kam. Mehrere ihrer Familienmitglieder wurden in der Shoah ermordet. Ihr kleiner Sohn Richard hört sie oft nachts weinen. Sie ist nicht nur zu keiner Liebe fähig, sie schlägt auch ihren Sohn.
Obwohl Richard Brox sechs Halbgeschwister hat, wächst er als Einzelkind auf. Die Halbgeschwister wurden von den Behörden in Heime gegeben oder blieben im Fall der Kinder seines Vaters bei der Mutter.
Richard wächst bei seinen Eltern auf, doch die sind angesichts ihrer Traumata mit ihm überfordert und vernachlässigen ihn. So wird z.B. nie sein Geburtstag gefeiert. Etwas Liebe erfährt er kurzzeitig von dem alten jüdischen Ehepaar ein paar Stockwerke über ihnen.
Durch seine Verwahrlosung kommt Richard Brox nie über die vierte Klasse hinaus. Anfangs spricht er ein schlechtes Deutsch, da bei ihm zu Hause ein Mischmasch aus Deutsch, Polnisch, Jiddisch und Englisch gesprochen wird.
Immer wieder wird Richard Brox von den Behörden in Heime gesteckt. Da er trotz aller unerwiderten Liebe lieber zu Hause ist, versucht er aus diesen zu fliehen. Außerdem wurde er in den Heimen misshandelt. Mit neun Jahren 1973 kommt er etwa für fünf Wochen St. Kilian im Odenwald. Hier herrschten „Demütigung, Erniedrigung, Unterwerfung“. Besonders die Mutter Oberin misshandelt ihre Schutzbefohlenen physisch und psychisch.
Im Heim Stutensee bei Karlsruhe kommt es zu sexualisierten Übergriffe durch einen Erzieher, die er nur notdürftig abwehren kann. Anderen Jungen gelingt das nicht. Das Heim Haus Baersdonk in NRW wird von einem ehemaligen SS-Mann geleitet, der glaubt Jugendliche mit 10 bis 12 Stunden Arbeit täglich erziehen zu müssen. Hier versucht ein Erzieher ihn und zwei Mädchen als Zwangsprostituierte zu verkaufen. Nur heftigste Gegenwehr verhindert eine Vergewaltigung. Der Erzieher kommt trotz eines Polizeieinsatz straflos davon.
Mit diesen seelischen Vernarbungen und ohne Schulabschluss wird Brox Suchtkranker und Gelegenheits-Obdachloser (u.a. zeitweise als Straßenpunk), der aber immer noch in die Wohnung seiner Mutter in Mannheim-Schönau zurückkehren konnte. Kurz nach dem Tod seines Vaters 1977 beginnt Brox Kokain zu konsumieren. Seine Kokain-Sucht hält bis 1989 an. Er ist,also vom Alter von 13 bis 25 suchtkrank. Seinen Drogenkonsum finanziert er sich als Kleindealer und durch sonstige Kleinkriminalität wie Diebstahl.
Ein paar Monate nach dem Tod seiner Mutter im Dezember 1985 wird dann die Wohnung von Brox geräumt und er verliert damit seine letzte Zuflucht. Brox wird ein Straßen-Obdachloser, der den Umständen, der Wilkür und anderen Personen gegenüber schutzlos ausgeliefert ist:

„Ja. Ich schämte mich meiner Schutzlosigkeit. Wer selber nichts zu bieten hat, muss sich aufdrängen oder sogar unterwerfen, wenn er Hilfe braucht. Das ist schwer. Leichter ist es, sich auf eine Parkbank zu legen.“

(Seite 26)
Er wagt es kaum, sich auf eine Parkbank zu legen, „Denn wer auf einer Parkbank liegt, kann davongejagt werden wie ein räudiger Hund.“
(Seite 26)
Die Notunterkünfte sind vielfach auch kaum eine Alternative zum Übernachten im Freien. Davon erzählt Brox auch in seinem Buch:

„Ich mied die städtischen Notunterkünfte sooft es ging. Ich machte Platte und schlief wieder draußen. Wenn es kälter war, suchte ich nach einem Heizungsschacht, auf den ich mich legen konnte. Oder ich krümmte mich erneut in irgendeiner Telefonzelle zusammen, das ist zwar nicht bequem, aber für einen Obdachlosen schon fast ein privater Raum.“

(Seite 31)
Zuerst war Brox überfordert vom Straßenleben und es nagt an ihm:

„In den ersten zwei Jahren, die ich als Obdachloser in Mannheim verbrachte, hat mich die Gewalt in den Unterkünften und auf der Straße seelisch immer wieder komplett zerlegt. Dieses Ausgeliefertsein!“

(Seite 32)
Nach seiner freiwilligen Entgiftung 1989 wurde Brox zum Berber, der mehr oder weniger freiwillig auf der Straße lebt. Er begibt sich mit 28 Jahren unter dem Namen „Kurpfälzer Wandersmann“ auf Wanderschaft. Zuerst erwandert er sich die fünf neuen Bundesländer, die vielerorts noch fremd auf ihn wirken.
Obwohl er auf keine lange Schulkarriere zurück blicken kann, ist Brox ein Vielleser, quasi ein Autodidakt. Außerdem spielt er gut Schach und kehrt während seiner Wanderschaft immer wieder bei Schachclubs auf ein paar Partien ein. Er selbst schreibt: „Schach war mein Wurfanker ins gutbürgerliche Leben.“ (Seite 93)
Ab 1999 entdeckt er zudem das Internet für sich und wird Internetaktivist. Auf seiner Homepage „Ohne Wohnung – was nun?“ (Nachfolger: http://ohnewohnung-wasnun.blogspot.de/) kritisiert er den Zustand von Notübernachtungen oder gibt Tipps für andere Berber.
Brox nimmt auch in seinem Buch kein Blatt vor den Mund und kritisiert die Zustände in den Unterkünften, die hartherzigen Behörden oder die Folgen für Hartz IV für Obdachlose:

„Wer auf der Straße lebte und Geld vom Sozialamt brauchte und nach dieser Reform beim Amt auftauchte, bekam sofort zu spüren, dass plötzlich alles anders war. Wer keine Meldebescheinigungen vorweisen konnte, wurde abgewiesen, wer noch halbwegs gerdeaus gucken konnte, wurde in unterbezahlte Zwangsarbeit geschickt.“

Seite 142

„Mit der geballten Kraft der Bürokratie sollte die Realität, die uns zu dem gemacht hatte, was wir waren, geleugnet und wir zu produktiven Bürgern zurechtgebogen werden.
Viele von uns waren aber schlicht und einfach fertig und kaputt, sie flohen vor diesen Zumutungen, fielen durch alle sozialen Netze und schlugen sich ohne jede staatliche Hilfe durchs Leben. Auf der Straße wurde es nach den Hartz-IV-Gesetzen noch rauer, brutaler und gnadenloser.“

Seite 143
Ihm ist es wichtig, die strukturellen Ursachen für die Probleme vieler Obdachloser klar zu benennen. Dabei leugnet Brox nicht die Gewalt untereinander, schreibt aber klar über die Ursachen und die verstärkenden Faktoren.
Später arbeitete Brox als Experte mit dem bekannten Journalisten Günter Wallraff zusammen, der auch ein Vorwort für das Buch von Brox verfasst hat. Brox beschreibt mehrmals wie sehr ihn die Wertschätzung und Unterstützung von Wallraff gefreut haben. Er fühlte sich dadurch wieder wie wie ein gleichwertiger Mensch.

Das Buch ist überaus lesenswert. Es eröffnet eine Perspektive von unten, die den normalen Bürgerinnen und Bürgern verborgen bleibt. Doch auch Brox individuelle Biografie ist überaus spannend zu lesen. Nur so kapiert man, wie er auf der Straße gelandet ist.
Etwas irritierend wirkt, dass es immer wieder Zeitsprünge gibt. Brox hat das Buch so verfasst, wie er sich mit seiner eigenen Biografie befasst hat. Da er sich erst relativ spät in seinem Leben mit seiner Heimkind-Biografie beschäftigt hat bzw. auseinandersetzen konnte, kommt dieser Abschnitt erst gegen Ende des Buches.
Ein großes Plus ist auch dass Brox Gerüch beschreibt, etwa den Geruch der Ost-Bundesländer, der 1990 noch ein „Mix aus Hausbrand und Trabiabgasen“ ist. Das vergessen viele Schriftsteller*innen.

Richard Brox: Kein Dach über dem Leben. Biographie eines Obdachlosen, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage 2018.

Frankfurt: Behörden mobilisieren gegen Bettler*innen

Bereits im Februar 2018 hatte die „Frankfurter Rundschau“ kritisch darüber berichtet dass
Mitarbeiter*innen der Ordnungsbehörde in Frankfurt Pässe von Bettler*innen handschriftlich mit dem Vermerk „Beim aggressiven Betteln angetroffen“ versehen hatten.
Für die Pass-Inhaber*innen könnte das gravierende Folgen haben. Der Vermerk verstößt nicht nur gegen geltendes Recht, er macht darüber hinaus die Reisepässe ungültig.
Da einige der Bettelnden auch Roma sind, hatte sich der Förderverein Roma gegen diese Stigmatisierungs- und Verdrängungspraxis gewandt.
Die Behörde gab an zukünftig auf diese Praxis zu verzichten.

Koblenz: Obdachloser ermordet

In Koblenz wurde am 23. Märzl 2018 auf dem Friedhof der 59-jährige Obdachlose Gerd Michael Straten, ein früherer Kohlehändler, enthauptet aufgefunden.
Straten galt als freundlichen, aber verschlossenen Einzelgänger.
Die Polizei sucht nach Hinweisen zu der Tat.
Mordopfer Gerd Michael Straten

Vorfall von Gewalt gegen Obdachlose im Juni 2017

Am 10. Juni 2017 rief in Berlin-Friedrichshain ein 37-Jähriger Mann rassistische Parolen und griff einen 52 und einen 65 Jahre alten Mann an, die unter einer S-Bahn-Brücke geschlafen hatten. Er schlug einen und trat den anderen. Der 52-Jährige wurde dadurch verletzt.

Quelle: Andrea Röpke: 2018. Jahrbuch rechte Gewalt, München 2018, Seite 282



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